as I scan this wasted land

Pfeile fliegen

Die Flugbahn eines Pfeils ist keine Gerade, sondern eine Kurve.

Eines Tages im frühen Herbst erreichten mein Meister und ich ein kleines Menschendorf im Süden. Für mich war es wie jeder andere Tag meiner Ausbildung; Für meinen Meister war es der erste Schritt zum Ende seiner Reise. Meister Rafalis sprach selten mit mir, es sei denn um mich zu unterweisen, jedoch fanden wir es richtig so. Beide waren wir keine Elfen, die Zeit verschwendeten, und Meister Rafalis war nie einer gewesen, der mehr sagte als unbedingt notwendig. Wir befanden uns auf einer Queste, vielmehr befand sich Meister Rafalis auf einer Queste – mich hatte er dabei, weil ich darauf bestanden hatte, mitzukommen als er mir anbot, meine Ausbildung bei jemand anderem fortzuführen.

In jenem Dorf wurden wir sofort zur Dorfschänke geführt, wo die Bauern uns von der geheimnisvollen Krankheit erzählten, die ihr Dorf seit dem Frühling heimsuchte. Meister Rafalis enthüllte an diesem Abend das Ziel seiner Queste – zum ersten Mal auch vor mir – und bot den Bauern an, jemanden auf die Queste mitzunehmen. Mein Lehrer war nämlich auf der Suche nach Akarem, um dort… die Anwesenheit der Garleen zu spüren, was Heilung bringen könnte, auch für die Kranken des Dorfes. Ich hätte an diesem Abend die dunklen Schatten unter seinen Augen bemerken sollen, jedoch nichts fiel mir im unbewegten Gesicht meines Meisters auf.

Vielleicht war es die dramatische Ankunft der T’Skrang, die sich sofort im Mittelpunkt befand oder ihre Geschichten die mich ablenkten, wer weiß? Während die Dörfler beratschlagten, wen sie nun losschicken könnten, meldete sich die neu Hinzugekommene, die sich als T’sayeph oder Saija vorstellte sofort freiwillig, um mit auf Abenteuer auszuziehen. Die bläuliche Ader auf der Stirn meines Lehrers klopfte ein wenig, aber er meinte wohl, Einspruch wäre zwecklos.

Am nächsten Tag zu Mittag warteten wir auf die Entscheidung des Dorfes, wen sie nun losschicken würden, und etwas nach Mittag – wäre er ein geringerer Elf gewesen, Meister Rafalis hätte ob der Verspätung gewiss mit den Augen gerollt – wurde uns ein großer junger Troll entgegen geschoben, der mit dem Zeh seines Stiefels im Grund bohrte. Nach einem tränenreichen Abschied verließen wir zu viert das Dorf in Richtung Märkteburg.

Mein Lehrer hatte nämlich Aufzeichnungen gesammelt, in denen Akarem erwähnt wurde, und diese deuteten darauf hin, dass einer der Helden, die Akarem besucht hatten möglicherweise noch in Märkteburg lebte. Also gingen wir nordwärts, einige Wochen lang. T’sayeph vertrieb uns die Zeit mit Plauderei, während der Troll – Sövde mit Namen – schüchtern blieb.

Nach zwei Wochen auf der Reise geschah etwas Seltsames: Mein Lehrer fragte mich nach meinem Ziel im Leben. Nun weiß jeder Bogenschütze, es gibt nur zwei Dinge im Leben: Den Pfeil und das Ziel. Gleichzeitig stehen der Pfeil und das Ziel aber für alle Dinge im Leben. Solange ich bei Meister Rafalis war, und schon davor, hatte ich mein Ziel immer fest vor den Augen. Ich wollte die beste Bogenschützin werden, die ich werden konnte, und irgendwann wenn es soweit sein sollte, wollte ich mein Wissen weitergeben. Ich bin immer einen geraden Weg gegangen, und nun merkte ich eines: Der Weg eines Pfeils ist keine Gerade, es ist eine Kurve.

In dieser Nacht, als die Sterne vom Himmel auf uns herabsahen, band mein Meister mir die Augen zu und hieß mich ein Blatt vom Baum herabschießen. Ich tat es – aber nach dem Schuss spürte ich seine Gegenwart nicht mehr, und als ich die Augenbinde abnahm, war er nicht mehr neben mir. Den Pfeil fand ich am Fuß des Baumes wieder, und er steckte in einem Blatt. Mein Meister war schon in seinem Zelt als ich zum Lagerplatz zurückkam. Ich habe ihn nicht gefragt ob meine Antwort auf seine Frage die richtige war und ob er nun enttäuscht von mir war, oder stolz dass ich mit verbundenen Augen ein Ziel zu treffen vermochte. Ich hatte ihn nie etwas gefragt, denn ich wusste dass er ein großer Beobachter war, der meine Fragen beantworten konnte ohne dass ich sie stellen musste. Wenn er also nichts sagte, gab es für mich auch nichts zu erfahren.
Und zwei Tage später, am Morgen, kam er nicht mehr aus seinem Zelt. Als wir das Zelt öffneten, war er schon vertrocknet wie eine Mumie, sein großer Bogen neben ihm, ebenfalls vertrocknet und tot. Sein Körper war mit Geschwüren bedeckt, und er, mein Lehrmeister, der große Rafalis, war tot.

Wir begruben ihn in elfischer Zeremonie mit T’Skrangischem und Trollischem Beigeschmack, und pflanzten einen Baum auf seinem Grab, eine Eberesche. Dann machten wir uns auf den Weg zur Stadt Märkteburg auf. Mein direkter Flug krümmte sich an dieser Stelle zum ersten Mal, meine Ziele verschoben sich. Nun war es wichtig für mich, Akarem zu finden und herauszufinden, was das Dorf des Trolls befallen hatte. Ich musste einen neuen Pfeil an die Sehne legen und die Welt neu beobachten, bevor ich wissen konnte was als nächstes zu tun war. In Akarem würde ich dann vielleicht auch erfahren, was meinen Lehrer dahingerafft hatte.

Drei Tage auf der Straße brachten uns nach Märkteburg, einen Moloch am Rande von Throal. Die Aufzeichnungen meines Meisters waren in Elfisch (dass ich zu meiner Schande nicht lesen kann), und deshalb suchten wir uns einen Mann, der sie uns vorlas. Und so fanden wir uns nach einer kurzen Weile vor der Tür des Geisterbeschwörers Tharesch.

Tharesch bat uns herein und war insgesamt weit verbindlicher als man sich das von jemand denken würde, der seine Wohnung mit Knochen dekoriert, auch wenn er ein Elf ist. In dieser Wohnung voller Knochen brachten wir Meister Tharesch unser Anliegen dar, und, ohne mit der Wimper zu zucken, erklärte er sich bereit uns nach Akarem zu bringen. Er schien fast begierig, die Stadt zu verlassen denn er meinte, er würde schon am gleichen Tag aufbrechen wollen. Kurz unterhielt er sich mit Sövde über ein Knochenschwert das er in der Wohnung hatte, denn der Schmied interessierte sich natürlich für ein Schwert, auch wenn es nicht aus Metall war. Danach gingen wir schon los. Mir jedenfalls war noch nie jemand begegnet, der so schnell bereit war, sich mit drei Fremden auf der Stelle auf eine mehrwöchige Reise zu begeben. Es gab einen Schreckensmoment als der Diener von Tharesch anfing, seine Sachen zu packen – denn der Diener, Arios mit Namen, ist leicht durchsichtig – jedoch verließen wir nach kurzer Zeit die Stadt Märkteburg wieder, um weiter nordwärts zu wandern.

Nun wäre diese Geschichte unvollständig wenn ich nicht erwähnen würde dass wir eine seltsame Reisegesellschaft waren. Ich spürte die Abwesenheit meines Meisters deutlich, denn niemand schwieg gesellig neben mir und niemand machte mich auf interessante Steine oder Pflanzen am Wegesrand aufmerksam. Das Vakuum bedrückte mich, auch wenn ich hoffe dass es nicht zu merken war, und das Plaudern von T’sayeph, die Sövde mit Gruselgeschichten über Geisterbeschwörer unterhielt sowie ihr Planschen in jedem Teich entlang des Weges wurde von mir willkommen geheißen. Vielleicht nicht gerade morgens, während ich meine kleinen Übungen machte, aber sonst durchaus. Ich gewöhnte mich sogar an das leise Schlurfen von Füßen hinter uns, wo der Diener des seltsam freundlichen, höflichen Tharesch sein Gepäck trug.
Zwei Wochen zogen ins Land und dann gerieten wir in einen Sturm, der vom Wolfsheulen getragen wurde. Meine Flugbahn krümmte sich immer weiter, so weit dass ich anfing, mich unbehaglich zu fühlen. Wir wurden vom Sturm abgedrängt und versuchten, einen anderen Weg einzuschlagen, jedoch wollten die Sturmwölfe wohl, dass wir etwas für sie machten. Nachdem wir versucht hatten, die Sturmwölfe, die dann schließlich vor uns auftauchten, zu verscheuchen, merkten wir dass sie uns nichts tun wollten, sondern dass sie uns scheinbar an eine bestimmte Stelle manövrieren wollten. Also fügten wir uns – denn wie mein Lehrer manchmal sagte – ein Pfeil mag eine Kurve beschreiben und das Ziel treffen, aber durch einen Stein kommt er kaum.

Es führte ein überwucherter Pfad in den Wald, und am Ende des Pfades gab es eine Ruine, in der sich zwei Ghule und ein Kadavermensch an frischem Fleisch labten. Ekelhafte Biester! Wir besiegten sie im Kampf, vermutlich wäre es richtiger zu sagen, Meister Tharesch ließ ihre Köpfe explodieren. Bei ihren Opfern, einem jungen Paar, kaum zu erkennen, fanden wir einen Beutel mit Silber. Unvorsichtigerweise beschlossen wir nach dem Verbrennen der Leichen gleich dort zu übernachten, wo wir standen, und wurden in der Nacht fast von vielen weiteren Ghulen überrascht.

Zum Glück hatte Sövde die erste Wache und konnte uns sagen, dass in der Nähe ein Haus war, in dem Feuer brannte und in dem man uns vielleicht Zuflucht vor Ghulen gewähren würde. Wir fanden es auch, knapp bevor uns die Ghule schnappen konnten, und wurden von einem bärtigen alten Mann empfangen, der sich als „Väterchen Wald“ vorstellte. Er bewirtete uns und gab uns ein Lager für die Nacht. In seiner Hütte war auch ein kleines menschliches Kind. Es stellte sich heraus, dass das Mädchen das Kind des jungen Paares war, das von den Ghulen gefressen wurde. Das Paar hatte sich mit dem Kind aus ihrem Heimatdorf Dorf geflüchtet, in dem offenbar eine geheimnisvolle Krankheit wütete. Wir konnten nur mehr die grausame Nachricht ihres Todes überbringen. Geheimnisvolle Krankheiten schienen über ganz Barsaive zu grassieren. Väterchen Wald bat uns, das Mädchen zu seiner Familie zu bringen, und wir sagten zu. Das Silber der kleinen Familie hatten wir noch.
Angesichts dieser neuerlichen Ablenkung zog sich in meinem Inneren kurz etwas zusammen, aber manchmal muss ein Pfeil seine Flugbahn ändern, oder brechen, egal wie schwer es ihm fällt.

Nach einer geruhsamen Nacht in der wundersamen Hütte wachten wir auf um sie leer zu finden, als wäre Väterchen Wald nie dagewesen. Als hätte der Wald selbst uns für eine Nacht Zuflucht gewährt. Wir machten uns auf den Weg nach Norden und nahmen das kleine Mädchen mit, das sich dem Troll angeschlossen hatte. Die beiden wurden auf dem Weg von Saija königlich unterhalten. Um meinen Gedanken nachzuhängen, ging ich etwas vor, begleitet von Meister Tharesch, der seinen Diener vor den Wölfen entlassen und ihn danach nicht mehr gerufen hatte – ob das daran liegt dass er es nicht konnte oder dass er nicht wollte, wußte ich nicht und wollte auch nicht nachfragen. Ich war mir sicher, sich in Angelegenheiten von Meister Tharesch einzumischen wäre eine dumme Idee.

Endlich am Schlangenfluss angekommen, konnte sich unsere T’Skrang vor Freude über so viel Wasser kaum zurückhalten, als sie erschreckt innehielt. Ein T’Skrang Fischerboot auf dem funkelnden Wasser – und niemand darauf. Nach kurzem Nachdenken erzählte sie uns eine Geschichte über eine dämonische Wasserschlange, die im Schlangenfluss leben soll…

Nun, und den Rest, den erzähle ich ein andermal.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s