as I scan this wasted land

Trippen sind modisch und praktisch

Immer noch Andergast… und immer noch Wald. Wir versuchten, den Ort im Wald zu finden, an dem sich die Strahlen der Prismen kreuzen, aber unser Jäger war verwirrt, und die Zeit drängte. Also gaben wir es schließlich auf und machten uns auf den Weg zum Schloss Dragenstein.

In Andrafall wurden meine Herrschaften freundlich empfangen, und erkundigten sich nach dem jungen Brautpaar. Ysgol von Tatzenhein von und seine Frau Traverike schienen verlegen, versicherten meinem Herren jedoch, sie seien dabei, „den Drachen zu reiten“. Oder war es „den Drachen zu jagen“? Jedenfalls schienen sie noch auf den Segen Tsas zu warten.

Am 9. Rondra ging es weiter in Richtung Dragenstein. Bei einem kurzen Aufenthalt in Weißenrod, wo wir die Pferde unterbringen konnten, um zu Fuß weiterzugehen, erzählten uns die Dorfbewohner von einer Frau, die eine Liebschaft mit jemandem vom weißen Schloss gehabt haben soll. Sie selbst, verunsichert und erschüttert, erzählte uns die Geschichte von einem Jäger, der ein Jahr lang bei jedem Vollmond von der Burg herunterkam, um sich mit ihr zu treffen. Als sie gesegneten Leibes war, beschloss er bei ihr zu bleiben, doch da holte ihn der Fluch der Burg ein, und er zerfiel zu Staub.

Während der kurzen Ruhepause im Dorf wurde mein Herr von den Bauern zu einem rechtlichen Problem, Hühner betreffend, befragt. Bisher war mir nicht klar, dass mein Herr so ein Experte auf dem Feld der Hühnerrechtskunde ist, aber er zeigte sich auch dieser Lage mehr als gewachsen.

Auf dem Weg durch den Wald kam es zu einer etwas hitzigen Diskussion zwischen der Baroness und meinem gnädigen Herren – die Abgeschiedenheit andergastischer Eichenwälder schlägt den beiden wohl mehr aufs Gemüt als uns klar war.

Gegen Abend merkten wir, dass wir ein wenig vom Weg abgekommen waren, also schlugen wir ein Nachtlager auf. Während meiner Wache stieg mir ein seltsamer Geruch von Aas in die Nase, aber ich traute mich nicht, mitten in der dunkelsten Nacht den Lichtschein des Feuers zu verlassen. Am nächsten Morgen meinte Andaryn, er hätte eine tote Brieftaube mitsamt Nachrichtenkapsel in der Nähe unseres Lagers gefunden. In der Kapsel war eine Anfrage eines Ritters nach seinem Sohn, gerichtet an den Dorfältesten irgendeines andergastischen Ortes. Wir beschlossen, der Nachricht erst nach Dragenstein Aufmerksamkeit zu schenken.

Mein Herr versuchte während der Reise einige Male, den Drachenhelm aufzusetzen, jedoch entwickelte dieser nichts von der ihm zugeschriebenen Wirkung. Auch im Wirkungskreis der Burg änderte sich daran vorerst nichts. Sobald wir die Globule erreichten, die Dragenstein umgab, tauchten wir in dichten Nebel ein. Irgendwann stießen wir, dem Jäger folgend, auf eine Steinwand. Links und rechts war kein Weg nach oben zu finden, keine Hinweise dass hier jemals eine Burg gewesen ist. Also warteten wir im Nebel auf den Vollmond. Die Baroness spielte ihre Flöte, die Nebelschwaden spielten mit unseren Augen: Mal sah man zwei Gestalten näherkommen, im nächsten Augenblick lösten sie sich auf.

Am Abend jedoch lichtete sich der Nebel, der volle Mond ging auf, und die weiße Burg wurde sichtbar. Schweigend machten wir uns auf den Weg, die Burg niemals aus den Augen verlierend. Unter den Bäumen lauerten große Fledermäuse auf uns, sie griffen jedoch nicht an, flatterten nur lautlos auf ihren ledrigen Schwingen davon.

Am Fluss wartete bereits eine Gruppe von Leuten auf uns – allen voran der Hofmagier Turolfus mit schmierigem Gesichtsausdruck, und noch etwas weiter weg Oswin von Otternpfot mit einigen Knechten und Mägden.

Turolfus versuchte, meinen Herren dazu zu bringen, ihm den Helm noch vor der Burg zu übergeben, was meinem Herren jedoch nicht einfiel. Daraufhin murmelte der Magier etwas, und mein Herr versteinerte. Das war für den Rest von uns der Grund, den Unhold anzugreifen, und wir hatten ihn fast besiegt, als er einfach auf dem Absatz kehrt machte und sein Heil in der Flucht suchte.

Oswin von Otternpfot war schon auf dem Weg zu uns, und als er den Magier flüchten sah, kam er immer schneller. Er verwickelte die Baroness in eine fruchtlose Diskussion warum wir dem Magier folgen wollten, warum wir gekämpft hatten, bis mein Herr aus seiner Versteinerung aufwachte. Das machte den Herrn von Otternpfot natürlich in keiner Weise flotter in seinen Entscheidungen, und schließlich war der Magier unseren Blicken entschwunden. Mein Herr konnte den gestrengen Ritter überzeugen, uns zur Freiherrin zu begleiten, um ihr den Drachenhelm zu überreichen. Er schickte sogar einen der Knechte voraus, um sie von unserer Ankunft zu unterrichten.

Kurz vor der Burg hatte es den Anschein, als ob der Helm … aufgeatmet hätte, und plötzlich schien die Sonne am Himmel, obwohl eigentlich Nacht sein sollte. Als wir schließlich das Burgtor erreichten, hatten einige von uns das Gefühl, dass es wohl besser wäre, keinen Schritt durchs Burgtor zu machen. Im Schatten der Mauer, ein dunkler feuchter Blutfleck auf dem Boden. Herr von Otternpfot, ungeduldig und um seine Herrin besorgt, geriet in einen erhitzten Wortwechsel mit meinem Herren und durchschnitt das Burgtor… zumindest zum Teil, denn ungefähr bei der Hälfte wurde seine davoneilende Gestalt mit einer Peitsche zu Boden gerissen und von einem Schwert in Stücke gehackt. Ein Schemen, wie ein Umhang aus Dunkelheit, zog sich kurz darauf aus Praios‘ Angesicht zurück, und war nicht mehr zu hören oder zu sehen.

Nach einem Moment der Stille merkten wir, dass Herr von Otternpfot nicht tot war, aber sein Leben hing am seidenen Faden. Andaryn half ihm aus dem Schatten des Burgtors heraus, und Silvana kümmerte sich um seine Wunden. Währenddessen wurde die Schlossherrin herbeigerufen und sprach durch das Burgtor zu uns. Als sie ihres gefallenen Ritters ansichtig wurde, überschattete ein schmerzhafter Ausdruck ihr Gesicht.

Lange verweilten wir vor diesem Hindernis, unschlüssig wie wir hindurch gelangen sollten.

Die Freiherrin, zuerst etwas unwillig, darüber zu sprechen, erzählte uns (und zwar langsam und ausführlich) schließlich die tragische Geschichte der Dragensteins. Hätte ich zugehört, könnte ich sie bestimmt besser wiedergeben, jedoch schien es sich darum zu drehen, dass Kono von Dragenstein seine Burg und die Hand seiner Schwester Leaja mehr oder weniger gegen einen Liebestrank eingetauscht hat. Die Freiherrin, Konos und Leajas Mutter versuchte noch im letzen Moment durch einen Pakt mit den Sumen zu verhindern, dass Turolfus die Burg in die Hände bekam. Dadurch wurde die Burg aber der Welt für 600 Jahre entrückt und jeder, der sie verließ, alterte augenblicklich nach und zerfiel zu Staub. Kono hat die junge Frau, der er den Liebestrank gab, übrigens auch nicht bekommen. Er kehrte auch nie nach Hause zurück.

Das Ding im Burgtor – wohl ein Dämon, sagte jemand – machte uns den Eintritt in die Burg unmöglich, und geweihte Waffen um es zu töten hatten wir nicht. Die Freiherrin beharrte darauf, dass nur Mut dieses Hindernis zu überwinden vermochte. Wir versuchten es erst einmal mit der Umgehung – Silvana versuchte, die Mauer zu erklettern – jedoch zerschnitt der Dämon das Seil an dem sie hing, und sie konnte sich nur mit Mühe und Not retten.

Letztendlich wagte sich mein Herr mit dem Helm auf dem Kopf durchs Tor. Der Dämon fauchte und stürzte sich auf ihn, doch konnte er ihn nicht berühren, solange er den Drachenhelm aufhatte. Das spornte meinen Herren natürlich an, den Dämon anzubrüllen und zu bedrängen, bevor er sich auf seine Reisegefährtin und sein Gefolge besann. Im Schutz des Helms – und nach einem kurzen Gebet an den Fuchs – wagten wir den Übergang zur anderen Seite.

Die Freiherrin führte uns zuerst in den großen Saal, wo wir uns nach dem Schreck etwas erholen konnten, jedoch brannten wir alle darauf, den Magier endlich zur Strecke zu bringen. Meira die Heilerin gab uns zur Stärkung einen Trank, der gegen Stimmen im Kopf wirken sollte, und schon ging es zum Turm des Magiers.

Der natürlich verschlossen war. Doch nicht umsonst hatten wir Andaryn und ein Brecheisen dabei. Die Tür ging auf, und mein Herr sprang mit einer geübten Rolle vorwärts in den Raum, der voll interessanter Magierdinge war – zum Beispiel waren da Beschwörungen auf Paper gekritzelt, und ein Pentagramm mit Kerzen und wertvolle Bücher, die bestimmt die Herren Bannstrahler interessiert hätten. Der Raum selbst jedoch war bemerkenswert magierfrei. Ebenso die Terrasse auf der Turmspitze. Eine nähere Untersuchung des Raums förderte hinter einem Wandbehang eine Geheimtür ans Tageslicht.

Mit Kerzen in der Hand wagten wir uns die lange Treppe ins steinerne Herz Dragensteins hinab. Die Schatten tanzten an den Wänden des schmalen Gangs, der sich immer weiter in den Fels hinab wühlte. Vor uns nichts als kalte Dunkelheit.

Am Ende der Treppe verbreiterte sich der Gang, und ein Durchbruch in der Wand führte uns in einen größeren Raum voller Spinnen, Käfer und ritueller orkischer Wandmalereien. Davon ausgehend drei Gänge – die Baroness führte uns in den mittleren, und der endete in einem weiteren Raum. Da war ein steinerner Tisch, und vorerst kein Magier.

Sobald wir weiter in den Raum getreten waren merkten wir, dass neben dem Tisch eine stille menschliche Gestalt lag. Der Magier, mit einer Kopfwunde wie von einem stumpfen Schlag. Ich musste fast lachen – ein Mann der durch böse Intrigen ein Schloss und dessen Erbin in seinen Besitz bringen wollte – gestolpert und sich im letzten Moment an der Tischkante den Schädel eingeschlagen.

Als wir ihm jedoch den Rücken zudrehten, richtete er sich auf, mit einer Keule in der Hand, und seine Stimme murmelte etwas in einer Sprache, die wir nicht kannten. Sein Hals gebrochen, der Kopf hing geknickt zur Seite, und die Stimme schien auch nicht die seine. Hinter uns erhoben sich Skelette und griffen uns an.

Während mein Herr und Silvana die Skelette aufzuhalten trachteten, versuchten wir anderen, den wiederauferstandenen Magier aufzuhalten. Er schien wie besessen, nicht er selbst, sein Körper übernommen von einer weit größeren Macht. Und wirklich, die Keule in seiner Hand schien die Quelle seines neuen Lebens zu sein. Kurz bevor er seine Beschwörung beenden konnte, schlug die Baroness die Keule in Stücke, und der Spuk hörte auf. Der Magier schien einen Pakt mit einem in der Keule wohnenden orkischen Schamanen eingegangen zu sein, der sich letztendlich seiner entedigt hatte.

Unsicher stolperten wir wieder ins Tageslicht. Herr von Otternpfot wurde in der Zwischenzeit in die Burg gebracht und von der alten Heilerin versorgt. Der Dämon im Schatten des Burgtors schien verschwunden. Die Freiherrin stand ihrem tapferen Ritter bei, so wie er ihr lange Jahre beiseite gestanden war, und man merkte, dass sie einander zugetan waren.

Meinem Herren wurde die Hand der Dame Leaja und die Herrschaft über Burg Drakenstein angeboten, was er mit dem Hinweis auf eine ihm anverlobte Maid in seiner Heimat ablehnen musste. Dieses Detail, mir bisher unbekannt, soll in naher Zukunft meine Aufmerksamkeit finden. Die Freiherrin verabschiedete uns mit der Versicherung, in Dragenstein würden wir immer Gastfreundschaft erfahren, und ließ uns unserer Wege gehen.

Noch unsicher ob der Fluch wirklich gebrochen war, fragten wir gleich in Weißenrod nach dem Datum, und man versicherte uns, es sei nicht sehr viel Zeit vergangen – es war gerade der 17. Rondra… desselben Jahres.

Der Weg führte uns in die Trippen-Metropole Andergast, in der man hervorragend Schweinen ausweichen kann (oder auch nicht, je nach Vorliebe). Dort erzählte mein Herr die Geschichte der Burg Dragenstein Wolorion von Kolburg, und beim Anblick dieses ehrenhaften Mannes hatten einige von uns interessante Ideen. Zum Beispiel, was wäre wenn… eine junge Dame, Erbin einer Burg und so viel andergastischen Walds wie man sich nur wünschen kann, nach Andergast käme, um dem Lehensherren und Fürsten zu verkünden, dass das Adelsgeschlecht der Dragensteins wieder in der Welt weilte. Was wäre wenn diese junge Dame während des gerade stattfindenden Turniers einen ehrenhaften Ritter kennenlernte, der gerade im richtigen Alter war und ein hervorragender Hüter ihrer Ländereien sowie ihres Herzens wäre?

Also gingen wir wieder einmal nach Dragenstein, wo wir die Freiherrin, ihre Tochter, und ihren treuen Oswin von Otternpfot abholten, um sie zum Fürsten zu bringen. Otternpfot ließ es sich nicht nehmen, trotz abgehackter Gliedmaßen nach Andergast mitzukommen, um seiner Herrin als Schutz und Schild zu dienen. Das ist noch ein Ritter, der nicht von seinen Pflichten zurückweicht, auch wenn er gerade noch in Stücke gehauen worden ist. Und ich könnte beschwören, die Freiherrin hat mich höchstens drei- oder viermal am Tag wegen meiner angeblich losen Zunge ermahnt – so wohl gelaunt hat man sie in den letzten 600 Jahren nicht mehr gesehen.

Um diese romantische Geschichte zu Ende zu führen – ja, Leaja von Dragenstein wird voraussichtlich den guten Wolorion von Kolburg heiraten. Auch Ysgol von Tatzenhein fand sich auf dem Turnier ein und vertraute meinem Herren an, er „hätte den Drachen zugeritten“ oder so ähnlich. Ich entnahm dieser kryptischen Äußerung des Ritters, er hätte endlich die Grundbegriffe der Anatomie verstanden und ein Erbe für Freiherren von Andrafall sei auf dem Wege.

Nun würde jeder vernünftige Mensch annehmen, wir machten uns nach diesem wunderbaren Abschluss der Angelegenheiten in Andergast auf den Weg nach Nostria zurück. Natürlich hätte ich mit der unbändigen Neugier meiner Herrschaften rechnen müssen. Mein Herr und die Baroness beschlossen nämlich kurz nach dem Turnier, das Rätsel der Sumen zu lösen. Kurz sprachen sie mit dem Sumen Eichbart, von dem sie – wie erwartet – keine weitere Information bekamen. Das schien sie jedoch nicht zu beirren, denn bald folgten wir Andaryn wieder einmal in den Wald zu dem Ort, wo sich die Lichtstrahlen kreuzten.

Dort waren einige Menhire, einige Schrate und eine aggressive Dachsmutter mit Jungen, aber sonst nicht viel. Keine Antworten auf unsere Fragen. Und so fand uns die Nacht ratlos im andergastischen Wald, umgeben von Schraten und allerlei Waldgetier. Genau das, was sich ein Mädchen aus dem Lieblichen Feld als Erholung nach allerlei Heldentaten wünschen würde. Immerhin scheint – und das ist mir ein Trost – mein Herr die Nachricht, die Andaryn beim Taubenkadaver gefunden hat, auf unerklärliche Weise verloren zu haben. Hoffentlich finden sich Helden, die sich darum kümmern, wohin der Sohn des andergastischen Ritters hingekommen ist, aber – mit etwas Hilfe vom Fuchs – werden wir es nicht sein.

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