as I scan this wasted land

endlich wieder Knat… tötet mich

Es begab sich, dass Signorino de Tounens und Baroness ya Trequona auf einer Lichtung im tiefsten andergastischen Wald Löcher in den überwachsenen Boden buddelten. Das Rätsel der Sumen löste das jedoch nicht, und so gingen wir zum Eichbart Rat und Hilfe suchen. Er freute sich, dass wir ihm so eine hübsche Lichtung mit würdigen Menhiren gefunden hatten, aber weiter kamen wir auch nicht. Es wird wohl für immer ein Rätsel bleiben, was die Sumen mit ihrem Lied genau sagen wollten. Ehrlich gesagt schwand mein Interesse am andergastischen Wald rapide mit jeder Minute, die ich dort zu verbringen hatte. Nicht dass das Interesse jemals hoch gewesen war.

Endlich verlor auch mein Herr das Interesse daran, und wir konnten zur Stadt Andergast zurückkehren. Immer noch nicht wirklich gut, denn die Stadt ist, wie berichtet, grässlich und im Regen schwimmt alles in Schweinekot, aber zumindest starren einen keine Eichen an. Dort beschlossen mein Herr und die Baroness, sich vom Fürstentum zu verabschieden und nach Nostria zurückzukehren.

Am nächsten Morgen stand als erstes auf meinem Plan, meinen Herren mit einem Frühstück zu wecken. Beladen mit einem Tablett in der Küche stehend fiel mir auf, dass mich ein junger Mann zu sich winkte. Er bestellte doch tatsächlich ein Glas Milch bei mir. Ich habe sein Gesicht nicht gesehen als ich mich auf dem Absatz umdrehte und die Küche verließ, aber ich kann mir seinen Gesichtsausdruck sehr gut ausmalen. Ich glaube, er beschwerte sich über mich, aber was konnte die Gastwirtin machen? Ich gehöre ja nicht zu ihrem Gesinde.

Etwas später, auf dem Schloss, merkte ich, dass sich vor dem Büro des Vogts eine lange Schlange an Bittstellern gebildet hatte. Ich stellte mich also ebenfalls brav an, um eine Abschiedsaudienz beim Fürsten für meine Herrschaften zu organisieren, als mich plötzlich derselbe junge Mann von diesem Morgen ohne Vorwarnung ansprang und versuchte, mir eine Ohrfeige zu verpassen. Einen Sekundenbruchteil davor konnte ich eine Bedrohung spüren und zur Seite springen. Zu meinem Glück fand sich ein edler Knappe, der mich verteidigte und sich zwischen micn und den übel gelaunten jungen Mann stellte. Der stritt sich mit dem Knappen, beleidigte seinen Stand und Andergast selbst, bis ihm klar wurde dass er das möglicherweise unterlassen sollte, solange er sich im Zentrum Andergasts befand. Der Knappe beschützte mich vor diesem Rüpel und ließ mir den Vortritt als er an der Reihe war, zum Vogt vorgelassen zu werden. Das Gesicht des jungen Mannes verzog sich wütend, doch konnte er nichts dagegen machen, dass ein Dienstmädchen vor ihm Gehör fand. Es gelang mir, eine Audienz beim Fürsten am nächsten Morgen für meine Herrschaften zu bekommen.

Wieder mit meinen Herrschaften vereint, gab es eine kurze Finanzkrise zu regeln, der die schwarze Gestechrüstung des Fürsten von Nostria sowie das überzählige Pferd zum Opfer fielen – Wolorion von Kolburg kaufte sie von meinem Herren zu einem fairen Preis, und überlieferte gleichzeitig eine Einladung zu seiner demnächst stattfindenden Hochzeit mit Leaja von Dragenstein.

Den Tag verbrachten wir mit Packen unserer Sachen und Reisevorbereitungen. Das Wetter wurde immer schlechter, immerhin war schon Efferd, und immerhin waren wir in Andergast, Hauptstadt schlechten Wetters und Schweinekot und Schlamm auf den Straßen.

Der Tag, an dem wir hätten abreisen sollen, fing für meine Herrschaften mit einer Audienz beim Fürsten von Andergast an. Dieser verabschiedete sich würdig von ihnen und gab meinem Herren den weisen Rat, sich zu verheiraten und viele kleine de Tounens-Erben zu zeugen. Er ging sogar soweit, ihm eine seiner zukünftigen Töchter als Ehefrau anzubieten. Ich muss zugeben, es wäre amüsant, eine sehr junge andergastische Prinzessin am Arm meines dann bereits etwas betagten Herren zu sehen.

Da es am Nachmittag zu regnen begann, beschlossen die Baroness und der Signorino auf Andaryns Anraten, erst morgen bei etwas besserem Wetter abzureisen. Deshalb konnte ich in keiner Weise verhindern, dass sie nach dem Abendessen einen Wiederholungsbesuch von Wolorion von Kolburg bekamen. Sein Anliegen war es, denselben seltsamen jungen Mann, der am Tag zuvor versucht hatte, mich zu schlagen, unserer Reisegesellschaft anzuvertrauen.

Travio Treublatt, Gelehrter aus Punin und ein Andergast-Nostria-Enthusiast, der sich für den Ursprung der Auseinandersetzungen dieser zwei Nationen interessierte und eine Arbeit darüber schreiben wollte. Außerdem schien er ein wenig unter einem unbeherrschten Naturell zu leiden? Mein Herr, von mir am Tag zuvor vor diesem Menschen gewarnt, ließ es gnädigerweise bei einem Verweis an den Gelehrten bewenden, sich nicht am Personal anderer zu vergreifen, und Treublatt durfte sich uns anschließen.

Durch ungnädiges Wetter und über unbefestigte Straßen führte uns der wohlbekannte Weg nach Nostria. Unterwegs hielt ich Ausschau nach einer Heldengruppe, der ich die Briefkapsel der Taube in meinem Besitz unterschieben konnte, hatte aber leider kein Glück. Habe ich erwähnt, mein Herr wäre gnädig? Nun, er vielleicht, ich jedoch nicht so sehr. Der unvorsichtige Gelehrte wachte hin und wieder mit spitzen Kieselsteinen in seinen Schuhen auf. Mein Herr warnte mich, nicht zu übertreiben, aber ich übertreibe niemals. Ein Mädchen muss sich die Zeit bei so einer langweiligen Reise vertreiben.

Es ging über Joborn weiter. Mein Herr und Treublatt fanden sich im Rahjatempel ein, wo ersterer Trost der Göttin und letzterer Trost in der Wissenschaft suchte. Nach Joborn machten wir uns auf, durch den Wald nach Salza zu gehen, um den Umweg zu vermeiden, den die Straße macht. Der Gelehrte protestierte, es sei der falsche Weg, jedoch folgten wir Andaryn weiter in die Wildnis hinein.

Vielleicht war es im Nachhinein gesehen keine besonders gute Idee. Der Regen wurde immer schlimmer, bis wir dachten, wir ertrinken im Niederschlag. Der Jäger fand aber ein Dorf in der Nähe, in dem wir Zuflucht nehmen konnten.

Das Dorf Unkenteich wird uns in keiner guten Erinnerung behalten. Nostrianer – mit der ehrenvollen Ausnahme Andaryns – sind ein abergläubisches Volk, das ungern außerhalb der vorgegebenen, geraden Bahnen denkt.

Die Bauern empfingen uns freundlich, und teilten uns mit, sie würden auf ihren Vogt warten, der ausgezogen war, sich um eine wichtige Angelegenheit zu kümmern. Mein Herr, bekanntermaßen ein Experte der Hühnerrechtsprechung fand überdies heraus, dass sich bei der Angelegenheit um verschwundene Hühner und einen verschwundenen, kostbaren Hahn handelte. Anscheinend war es der einzige Hahn im Dorf.

Der Abend ging voran, und die Baroness beschloss, ihn mit ein wenig Musik aufzuheitern. Während draußen der stetige Regen in Strömen herniederging, gab es Musik und Tanz und folkloristische Erzählungen der Einheimischen. Treublatt ließ sich Volkstänze beibringen und fragte ab und zu fast verzweifelt nach Papier. Dieses Unschuldslamm, er hätte sich doch denken können, dass die Bauern weder lesen noch schreiben konnten, denn sie antworteten freundlich, für so etwas würden sie normalerweise einfach Blätter verwenden.

Meine guten Ohren nahmen draußen ein Geräusch wahr, das die Ankunft mehrerer Leute ankündigte. Durch die geöffnete Tür sah ich sie etwas in den Dorfbrunnen werfen und ihn dann mit einem Deckel schließen. Gleich darauf kamen sie in den großen Raum in dem das ganze Dorf versammelt war. Der Vogt war unter ihnen – ein rechtschaffener Mann, der etwas von einem Thorwaler hatte, nur weniger Haare als diese.

Er erzählte von der Hexe, die sie im Wald gefangen hätten – sie war es, die sie in den Brunnen geworfen hätten, meinte der Vogt, der sich dann als Roderik vorstellte. Die Hexe hätte Baummarder auf seine Männer gehetzt, und hätte sich gewehrt wie eine Besessene. Sie sei es gewesen, die den Hahn entführt hätte. Auch ihre Sprache war ein seltsames , dämonisches Gebrabbel. Morgen, so sagte er, würde eine Hexenprobe zeigen, ob sie unschuldig war oder nicht. Der Hahn jedoch würde morgen dem reinigenden Feuer Praios‘ übergeben werden, denn er hätte ein Ei gelegt. Zugegebenermaßen ein eher ungewöhnliches Veralten für einen Hahn. Ich fragte mich, ob sie ihn dabei beobachtet hätten, aber ich sagte nichts.

Während ich nicht aufpasste, beschloss mein Herr, sich mit den zwei Mädchen zu vergnügen, die er am gleichen Abend kennengelernt hatte. Die zwei Dorfschönheiten, Töchter der hiesigen Weisen Frau, schlichen sich, als alles ruhig geworden war, ins Zimmer meines Herren. Also hielt ich Wache, damit keiner seine Unterhaltung mit den beiden Damen störte.

Falls jemand so unfreundlich sein sollte zu behaupten, mein Herr hätte die beiden verführt, so wäre es an mir, dem zu widersprechen – mein Herr de Tounens war in diesem Fall der Verführte. Er hat mehrmals versucht, sie fortzuschicken, aber die beiden haben darauf bestanden, zu bleiben. Doch darüber später mehr.

Der Jäger verließ kurz das Haus und kam erst einmal nicht mehr hinein. Mich trieb die Neugier von meinem Wachtposten zum Brunnen, in dem die Hexe hockte. Trotz Behauptung de Vogts, man würde den Brunnen streng bewachen, war da niemand. Der Jäger erzählte später, der Wachmannn hätte sich zum… Zittern… unter das Fenster meines Herren gestellt, aus dem… Laute drangen. Also war ich alleine mit der Hexe im Brunnen.

Ich sprach zu ihr, und wirklich, ihre Sprache war ungelenk. Aus ihren Worten konnte ich zusammenstückeln dass sie behauptete, sie wäre keine Hexe, sondern Umbrabra, und sie müsste ganz dringend zur Lichtung in den Wald, um das Böse dort auszuschalten. Der Jäger kam bald darauf auch zum Brunnen und überraschte mich fast im strömenden Regen. Er fand, aus dem Brunnen würde es nach Oger riechen, und weigerte sich strikt, die Hexe freizulassen. Ich musste einsehen, dass er wohl recht hatte, aber ich war immer noch neugierig was es mit der Hexe auf sich hatte.

Andaryn erklärte sich bereit, den Wachtposten abzulenken und an seiner Stelle Wache zu halten. Der zitternde Mann bedankte sich und ging hinein, um sich vor dem Regen zu schützen. In der Zwischenzeit füllte ich einen Eimer mit Regenwasser und schlich in den Schlafraum, wo Travian Treublatt einen von Boron gesegneten Schlaf genoss. Über ihm stehend überlegte ich einen langen Augenblick, ihn mit einem herzhaften Schwall Wasser zu wecken, aber dann dachte ich an das durchnässte Bettzeug, also ließ ich ihm ein paar Tropfen auf die Stirn fallen und den Wassereimer als Waschwasser neben seiner Pritsche.

Auch ihm gelang es nicht, die Frau im Brunnen zu vernünftigen Worten zu bewegen, er schaffte es nur, sie mit seinem Kauderwelsch in vielen toten Sprachen zu verwirren. Zumindest wurde er kräftig durchnässt, und ging sich anschließend im Bett aufwärmen. Währenddessen war mein Herr seine beiden Verehrerinnen losgeworden. Nach seiner Ablöse fiel Andaryn draußen etwas ungewöhnliches auf und er kam ebenfalls hinein, und zwar recht schnell.

Er machte die Läden am Fenster meines Herren zu und lehnte sich mit dem Rücken dagegen, wie um etwas von draußen davon abzuhalten, hineinzusehen. Der Jäger stammelte etwas davon, die Weise Frau des Dorfes würde, in einen Raben verwandelt, ins Zimmer hineinsehen, und meinem Herren würde es demnächst wegen Verführung Unschuldiger an den Kragen gehen. Während mein Herr natürlich nicht an solchen Unsinn glaubt (Andaryn hat ganz offensichtlich zu viel Zeit in Andergast verbracht), wurde meinem Herren nun (etwas verspätet) doch klar, dass seine Taten Folgen nach sich ziehen könnten, und er entschied, im Falle des Falles zu behaupten, ich hätte die Nacht bei ihm verbracht.

Ich brauche wohl nicht zu erwähnen, wie begeistert ich von dieser Aussicht war. Nun erzählte ich auch meinem Herren von der Hexe im Brunnen und ihren Worten, und daraufhin – ich hätte es wissen müssen – wurde er doch neugierig und beschloss, sie zu befreien, um ihrem Geheimnis auf den Grund zu gehen. Das war der auftauchenden Baroness nun gar nicht recht, und sie hatte etwas, was man im Volksmund wohl nur als „Anfall“ bezeichnen konnte.

Noch bevor die Sonne aufging, fing der neue Arbeitstag für mich damit an, dass ich einen Mann mit großer, haariger Warze auf der Oberlippe davon überzeugen musste, sich vom Brunnen zu entfernen. Zuerst wollte ich ihm eine blöde Geschichte erzählen, die er mir nicht glaubte, und ich schob die Schuld auf den Gelehrten, der zufälligerweise nicht anwesend war. Der nächste Versuch überzeugte ihn zumindest, sich aus der Sichtweite des Brunnens zu entfernen, wo ich ihm meinen Dolch an den Hals hielt. Er war wohl sehr erbost, aber ich schob auch diese Aktion auf den Gelehrten.

Währenddessen befreiten der nun wieder aufgestandene Gelehrte und mein Herr die Hexe aus dem Brunnen und liefen ihr in den Wald nach, während ich mich, so schnell ich konnte, der Baroness und den Jäger anschloss, die in die entgegengesetzte Richtung aus dem Dorf ritten.

Habe ich schon erwähnt, dass wir im Dorf Unkenteich keinen guten Ruf genießen? Zum Glück, so dachte ich, würden wir nie mehr zurückkehren.

Wir umrundeten nach einer Weile das Dorf und Andaryn suchte im Wald nach Spuren meines Herren. Währenddessen liefen mein Herr und Treublatt der Hexe Umbrabra nach. Sie war nur mit einem Lendenschurz bekleidet und trug außerdem ein ungewöhnlich schönes goldenes Medaillon um den Hals, das einen in Edelsteinen ausgeführten Baum zeigte. Sie lief und lief, und gegen Abend verschwand sie, um zu jagen, ohne zu sagen ob sie zurückkehren würde. Mein Herr und Treublatt saßen im Wald und drehten Däumchen, bis aus dem Dunkeln die willkommene Gestalt von Andaryn auf dem Pferd auftauchte, dahinter die Baroness und meine Wenigkeit.

Auf dem Lagerplatz ließen sich zwei Raben nieder, einer davon mit einem verletzten Flügel. Andaryn kümmerte sich um den Vogel, und dieser konnte wieder auf seinen Baum hochfliegen. Etwas später kehrte auch Umbrabra mit einigen toten Kaninchen zurück, die der Jäger über dem Feuer für uns zubereitete. Schließlich, nach einer Diskussion (im Volksmund: Streit) zwischen der Baroness und meinem Herren kehrte Ruhe im Lager ein, und wir schliefen erschöpft ein.

Im Traum erschien mir ein Mann, der wollte, dass wir sie zum Turm brachten. Mein Herr wecke mich zur Wache. Die Dunkelheit wurde nur vom winzigen Schein unseres Feuers unterbrochen, und ich starrte mit schläfrigen Augen in den Wald, ohne wirklich etwas zu sehen. Auf einmal bekam ich eine heftige Gänsehaut, und mir wurde bewusst, dass mich aus der Dunkelheit kleine Leuchtpunkte beobachteten. Ein, zwei, drei, ein Dutzend Vielfraße waren um uns herum. Mit gezogener Waffe weckte ich alle, und dann griffen die Tiere uns an.

Meine Waffe lag wie Blei in meiner Hand. Während alle sich so gut wehrten wie sie konnten, schaffte ich es nicht, irgendetwas zu treffen, nur auszuweichen. Trotzdem gelang uns nicht, die Marder abzuwehren, die sich auf Umbrabra stürzten. Irgendwann schrie sie auf und fiel zu Boden; die Marder liefen wie ein Wesen davon.

Langsam näherten wir uns der stillen Gestalt der angeblichen Hexe. Es fiel uns auf, das Amulett war fort, und sie veränderte sich vor unseren Augen. Angesichts der anschwellenden Glieder und der immer größeren Gestalt war ich kurz davor, wie die hiesigen Bauern das Praioszeichen als Schutz gegen das Böse zu machen. Umbrabra verwandelte sich in eine Ogerin… und stillte erst einmal ihren endlosen Hunger an zwei toten Vielfraßen.

Wir konnten sie überreden, fürs erste auf ständiges Auffressen von Dingen und Leuten zu verzichten – notfalls hätten wir ihr wohl Treublatt verfüttern müssen – und uns zu der Lichtung zu führen, von der sie immer wieder erzählte. Es stellte sich heraus, dass wir fast alle denselben Traum gehabt haben, von einem Mann und dem Turm. Im Wald wurde es kälter und ungemütlicher. Der Monat Efferd in Nostria macht wenig Spaß. Um ehrlich zu sein, auch alle anderen Monate… ach, egal.

Umbrabra führte uns zu einer ruhigen Lichtung im Wald. Sie erzählte etwas von einem Sharr’bag, etwas Bösem im Wald, und wollte die Lichtung nicht verlassen, aber wir mussten weiter zum Turm. Zuerst überquerten wir einen Fluss. Treublatt wurde fast ein Opfer der Strömung, aber da ich an dem Tag gut gelaunt war, reichte ich ihm die Hand und konnte ihn vor einem Sturz in den Wasserfall retten. Zögerlich führte uns die Ogerin weiter, den Hügel hinauf. Auf die Bitte der Baroness hin wollte sie sie den Hügel hinauf tragen – dummerweise konnte sie nicht besonders gut klettern und sie stürzten beide ab. Zum Glück ging der Sturz glimpflich aus.

Nach einem genaueren Blick auf den Berg entdeckten wir einen Weg, der kaum lebensbedrohliche Kletterpartien beinhaltete, und nach einigem Überreden meinte auch Umbrabra, sie könnte den nehmen. Sie hastete voraus, und hinter einem Vorsprung hörten wir ein kleines Quieken – unsere ewig hungrige Umbrabra war gerade dabei, den Mund aufzumachen, um in den in ihrer Hand baumelnden Kobold hineinzubeißen.

Nach etwas Überredung konnten wir Umbrabra davon abbringen, den Kobold auf der Stelle zu fressen. Dieser sprach sehr, sehr schnell, und viel. Die Baroness fesselte und knebelte ihn erst einmal. Dann versuchten wir vernünftig mit ihm zu reden. Dem Jäger gefiel das Ganze überhaupt nicht, und er meinte, wir sollten den Kobold lieber etwas freundlicher behandeln. Der Kobold meinte schließlich, wieder befreit, ob ihn nicht jemand von uns hinaufbringen würde – und zeigte irgendwohin nach oben. Andaryn nahm ihn auf die Schultern und kletterte wirklich hinauf – nur um zuzuschauen, wie der Kobold in einen kleinen Strom hüpfte und den Abhang hinunterrutschte, vor Vergnügen quietschend. Und gleich wolle er nochmal hinauf und wandte sich nun an mich, um hinaufzugelangen.

Wir wollten den Kobold ignorieren und weitergehen, doch Treublatt dachte, er wäre besonders schlau, und nahm den Hut des kleinen Mannes und warf ihn den Hügel hinunter. Fluchend sprang der Kobold hinter seinem Hut her und warf Treublatt zum Dank einen kleinen Zauber an den Kopf. Ein Windstoß, und schon verabschiedeten sich Treublatts Kleider von seinem Körper und segelten den Hügel hinab. Nach einem Moment akuter Verlegenheit halfen wir ihm mit ein paar Blättern aus, bis mein Herr die Kleidung des Gelehrten aufsammeln und dieser sie wieder anziehen konnte.

Bald waren wir ganz oben auf dem Plateau und sahen schon die Ruine eines Turms – da verdunkelte sich der Himmel, und ein heftiger Sturmwind wehte uns fast um. Treublatt, wie vorhin seine Kleider , wurde fast hinunter geweht, mein Herr konnte ihn retten. Gleichzeitig wurde aber auch Umbrabra den Berg hinuntergeweht – die Baroness und ich konnten sie nicht mehr retten, sie war zu schwer. Mit einem Schrei ging sie über die Kante und fiel tief hinunter in den See, wo ein großes Tier sie verschluckte, das aussah wie eine riesige, schleimige Kröte. Dann hörte der Spuk so plötzlich auf, wie er begonnen hatte. Und wir hatten Umbrabra verloren.

Mit klammem Gefühl, versagt zu haben, betraten wir die Turmruine. Dort fanden wir eine Falltür, dahinter eine Treppe, die nach unten führte, bis zu einer verklemmten alten Tür. Mein Herr trat sie auf, und dahinter kam eine für die nostrische Wildnis recht luxuriöse Kammer zum Vorschein. Das Zimmer eines Zauberers. Auf einem Bild an der Wand der Mann aus unseren Träumen und eine wunderschöne Frau, die entfernte Ähnlichkeit mit Umbrabra hatte. Auf dem Bett ein Skelett.

Als die Baroness näher an das Bett heranging, kam plötzlich eine Art Leben in die toten Knochen, und ein geisterhaftes blaues Licht leuchtete aus sich aufrichtendem Leichnam wie ein Echo des vergangenen Körpers. Er, der Geist des Zauberers Fingard, sprach zu uns und erzählte eine ziemlich langweilige Geschichte von seiner verlorenen Liebe zur Seenymphe Jindzia und wie er versuchte, sie aus ihrer Verbindung zum See zu befreien. Diese Liebe und die Abwesenheit der Nymphe aus ihrem Reich verführte ein böses Wesen, die Kröte Sharr’bag, aus dem Feenreich hinüberzuwechseln und sich im See auszubreiten. Der Wald wurde langsam von der Kröte vergiftet.

Umbrabra, eigentlich Jindzia, war nicht tot, so behauptete er, und wir hatten noch Gelegenheit, sie zu retten, wenn wir ihn – das heißt, seinen Geist – zu ihr bringen würden. Dazu brauchte er ein Gefäß.

Nach langem Überlegen erklärte sich mein Herr bereit, den Geist Fingards in sich aufzunehmen. Er schien Schmerzen zu leiden, als der Geist sich in ihm breitmachte, dann wurde sein Blick etwas glasig, und er machte sich auf direktem Wege auf den Weg zur Grotte der Kröte, um Umbrabra zu retten. Wir folgten ihm wie in Trance.

Weiter unten, kurz vor dem Eingang zur Höhle, stellten sich uns etwa dreißig Vielfraße in den Weg. Da sie wegen ihres Sommerfells immer noch nicht zum Pelzmantel für die Baroness taugten, mussten sie Platz machen und uns durchlassen. Dies könnte theoretisch auch daran liegen, dass aus dem Wald ein ganzer Schwarm Raben heranflog, um sich im Kreis schützend auf die Bäume herabzulassen. Der Weg führte in die Dunkelheit der Höhle hinein. Sobald wir drin waren, schlug ein Vorhang aus Schlingranken hinter uns zu, und holte den Gelehrten von den Beinen. Andaryn konnte die Ranke durchschlagen, die ihn zu ersticken drohte, und keuchend schritten wir weiter durchs Halbdunkel.

In einem größeren Raum stießen wir erst einmal auf viele, viele kleine Kröten. Sie sahen nicht wirklich bedrohlich aus – dafür aber die riesige Zunge, die aus einem Nebenraum hervorschoss, um einige der Kröten einzustreichen und mitzunehmen. Und dann – mitten im Raum stand Umbrabra gefesselt an einen Stein. Aus ihrer aufgeplatzten Haut quollen immer wieder winzige Kröten hervor. Ich freue mich zu berichten, dass mein Magen mich auch in diesem Fall nicht im Stich gelassen hat und ich seinen Inhalt bei mir behalten konnte. Dafür sahen wir als wir den Blick von Umbrabra wandten einige Haufen Hühnereier, aus denen bald, sehr bald Basilisken schlüpfen würden, wenn niemand sie zerstörte.

Sharr’bag spuckte Schleim in die Höhle, aber wir konnten ausweichen. Mein Herr befreite Umbrabra, und sein innerer Passagier weckte die Nymphe in ihr. Während wir alle Basiliskeneier zerschlugen, ergriff mein Herr – oder sein Gast – die Hand der Nymphe, und sie verschwanden tiefer in der Höhle, dort wo Sharr’bag auf sie wartete. Es gab ein blendendes Licht und eine Explosion. Dann Stille.

Als ich wieder denken konnte, sah ich zwei Kröten, eine davon mit großen blauen Augen, die mich ein wenig an Umbrabra erinnerten, die andere daneben sah etwas rötlich aus und ließ sich von mir aufheben. Irgendwie erinnerte mich ihre Pigmentierung und der Gesichtsausdruck an meinen Herren. Treublatt, der in seiner Stubenhockerverblendung wohl ein Buch zu viel gelesen hatte, neigte sich vor, um meine kleine Kröte zu küssen. Obwohl sie zurückwich, klebte er doch seine feuchten Lippen auf die feuchte Kröte und… das war der Anblick, der meinen Herren erwartete, als er Hand in Hand mit der hübschesten Person die wir jemals gesehen haben, aus der Höhle heraustrat.

Die Freude war groß, und Jindzia, die Seenymphe bedankte sich bei uns für unsere Hilfe und die Vertreibung der Kröte, die den Wald vergiftete. Dann verabschiedete sie sich. Das Tageslicht zeigte eine seltsame baue Färbung im grauen Auge meines Herren, die verschwand und wieder auftauchte, je nachdem aus welchem Winkel man hinsah. Ob sein Gast noch immer…?

Langsam gingen wir zurück zu Umbrabras Lichtung, wo uns eine Belohnung erwartete. Unter dem uralten Eichenbaum Garlabar, einem Freund Jindzias , fanden wir ein heilendes Blatt für jeden, und unsere zurückgelassenen Taschen. Die Pferde jedoch waren weg, und wir mussten ihnen durch den Wald folgen, bis wir eine liebliche, uns wohl bekannte Siedlung erreichten, von der ich angenommen hätte, wir müssten sie nie wiedersehen.

Willkommen zurück in Unkenteich… wo der Vogt uns streng empfing und uns allerlei Sachen vorwarf, unter anderem Praiosungefälliges Vorgehen und die Bedrohung eines guten Mannes, und dies und das und jenes. Was für ein ungefälliger Mann! Die Baroness holte das Schreiben des nostrischen Fürsten hervor, das uns außerordentliche Charakterstärke bescheinigte, und wir konnten unbehelligt das Dorf verlassen, zum Glück.

Weiter ging es in Richtung Salza und Yoledamm. Yoledamm kannten wir schon. Dort stand ja diese riesige Basaltplatte mit den Namen aller nostrischen Helden seit 1500 Jahren beim Boron-Tempel, und zu unserer Überraschung fanden wir unsere Namen dort eingraviert. In unserer Abwesenheit waren wir zu nostrischen Helden aufgestiegen… sie haben bei mir keinen Nachnamen hingeschrieben. Ich werde wohl für immer einfach nur Thalya Niemanden-Interessiert-Wer-Du-Bist bleiben. Auch gut. Der Gelehrte schien daran interessiert, sich alle Namen aufzuschreiben, aber dafür hatten wir keine Zeit, und alleine zurückbleiben wollte er auch nicht.

Endlich in der fürstlichen Stadt Nostria angekommen, erwartete uns ein Volksauflauf, mit einer Ehrengarde, die bereit stand, um irgendwen wichtigen mit Fanfare zu begrüßen. Um nicht zu stören, während Nostria die „tapferen Mannen des Fürsten, zurück von geheimer Mission“ begrüßte, ritten wir zum anderen Stadttor – wo uns eine keuchende Delegation von Leuten in Paradeuniformen und Trachten begrüßte und meinem Herren und der Baroness unter Aufsagen von Anlassgedichten Blumensträuße reichte.

Nostria feierte uns, wie nur Nostria einen feiern kann, mit Musik und Tanz und in bunten Festtagskleidern – ich wünschte, jemand würde mir so eines schenken – und die Baroness und mein Herr wurden zum Fürsten vorgelassen. Es gab viele Reden, und gutes Essen, und unser nostrischer Held, Andaryn, wurde vom Gesinde gefeiert, vor allem als ich überall von seinem glorreichen Sieg im Baumstammwerfen über das andergastische Gesindel erzählte.

Ich unterbreche hier – denn es folgten einige Monate nostrischen Winters – und die Tommel floss durch das Land, die Tommel floss durch das Land, die Tommel floss durch das Land…

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