as I scan this wasted land

war noch nie in Donnerbach

Eine Artistentruppe fragte bei uns an, ob wir sie nach Thorwal begleiten würden, und wir sagten aus irgendwelchen Gründen zu, die mir jetzt selbst nicht mehr ganz klar sind. Auf dem Weg nach Thorwal passierte nichts weiter, außer dass es kälter wurde. Robak schien sich zu freuen, und Ayrina schien zu frieren. Die Artisten hatten einen sehr hübschen Sohn, doch dieser schien sich nicht wirklich für Frauen zu interessieren.

In Thorwal trennten sich unsere Wege kurzfristig. Unsere bisherigen Auftraggeber, von denen wir in Freundschaft schieden, boten uns an, beim Höhepunkt des diesjährigen Hjaldings an ihrem Tisch zu sitzen und das Spektakel zu beobachten.

Im Thorwalschen Tsa-Tempel schienen die Geweihten keinen Bedarf nach weiteren heilenden Händen zu haben, also suchte ich mir in der Stadt eine Unterkunft und fand ein angemessenes Gasthaus – zum Nordwind – wo ich metaphorisch meine Zelte aufschlug.

Am gleichen Abend versuchte ich mir die Zeit mit etwas Kultur zu vertreiben und fand tatsächlich eine Taverne, die almadinischen Wein anbot. Eine hübsche rothaarige Frau in offenherzigem Kleid sang irgendwelche Lieder aus Yaquirien und verschwand am Ende des Abends mit einem gutaussehenden Thorwaler.

Die Stadt Thorwal am Ende des Monats Hesinde war so kalt, dass man sich schnell von einem Gebäude zum anderen bewegte, um bloß nicht zu viel Zeit draußen zu verbringen. Am Höhepunkt der Wintersonnenwende saßen wir im Warmen am Tisch unseres Auftraggebers. Das kleine tulamidische Mädchen strich unruhig durch die Menge, während weiter vorne Darbietungen stattfanden. Auch die hübsche Sängerin von gestern trat auf, nur ging ihr Gesang im Grölen der Menge leider unter.

Ich habe noch nie Leute gesehen, die sich mit solcher Zielstrebigkeit eine Alkoholvergiftung anzutrinken versuchten. Irgendwann war jeder am Tisch an der Reihe, irgendwelche heldenhaften Geschichten über sich selbst zu erzählen, was mich in arge Verlegenheit brachte, denn ich hatte keine anzubieten. Zum Glück saß ein echter Skalde an unserem Tisch, Ohm Follker, der umso mehr zu erzählen wusste.

Irgendwann erhob sich eine kräftige Stimme aus der Menge, die alle anderen Stimmen zuerst übertönte, und schließlich verstummen ließ. Der Mann erzählte von seinen Reisen und ließ dabei einige naturwissenschaftlich ziemlich unwahrscheinliche Details fallen. Bald darauf erhob sich eine zweite Stimme, die den ersten Sprecher lachend einen Lügner hieß.

In der gespannten Stimmung suchte ich mir schon mal einen bequemen Platz unter einem stabilen Tisch, an dem ich die bevorstehende Schlägerei unbeschadet überstehen konnte. Der neben mir sitzende Robak grinste breit, murmelte etwas von einem gelungenen Fest und wärmte seine Fäuste vor. Aus den Augenwinkeln sah ich noch, wie die hübsche Rothaarige auf der Bühne etwas sagen wollte, vermutlich etwas Vernünftiges, um die Stimmung zu beruhigen – keine Ahnung, was sie sich dabei dachte – doch wurde sie von einem wohlmeinenden Thorwaler zu Fall gebracht. Er wollte sich die bevorstehende Schlägerei wohl nicht verderben lassen.

Die Oberste Hetfrau Garhelt jedoch hatte andere Ideen bezüglich der Abendgestaltung, deshalb haute sie die Faust auf den Tisch und brachte damit die aufgebrachte Menge zum Schweigen. Sie hat meine größte Bewunderung dafür. Die beiden Männer, die den Streit angefangen hatten waren ihre besten Kapitäne, sagte sie, und sie würde nicht erlauben, dass sie ihre Energien in sinnloser Streiterei verschwendeten. Deshalb verfügte sie, die beiden müssten an einen Wettstreit teilnehmen, bei dem jeder von ihnen mehrere Aufgaben zu lösen hätte, und die sie um ganz Aventurien führen würde. Dabei durfte keiner von den beiden ihre übliche Mannschaft mitnehmen, sondern müsste sich neue Leute suchen.

An sich fand ich es war eine gute Idee, auch wenn die Thorwalsche Logik „ich-möchte-nicht-dass-ihr-sinnlos-streitet-deshalb-machen-wir-jetzt-einen-Wettstreit“ mir sich nicht ganz erschließen wollte. Der Mann, der zuerst gesprochen hatte, stand wortlos auf und verließ die Halle. Der zweite, der gesprochen hatte meinte noch zur Menge, er würde am nächsten Tag am Hafen stehen und Leute in seine Mannschaft aufnehmen, die er für würdig befand. Dann ging auch er hinaus.

Der Skalde an unserem Tisch stellte sich als ein persönlicher Freund des zweiten Mannes heraus und klärte uns ein wenig über die beiden auf. Die Kapitäne hießen Beorn der Blender und Asleif „Foggwulf“ Phileasson, und ich muss wieder irgendetwas Furchtbares gegessen oder getrunken haben, denn ich ertappte mich dabei, mir zu überlegen, bei Phileasson anzuheuern. Die hübsche Rothaarige erkundigte sich ebenfalls beim Skalden nach den beiden Kapitänen und überlegte offensichtlich ebenfalls, ob sie sich der Expedition anschließen sollte.

Am nächsten Morgen führten mich meine Füße fast wie in Trance zum Hafen, wo sich schon eine wirklich große Menge von Leuten versammelt hatte. Ein junger, ungewöhnlich dunkler, großer Thorwaler– nun gut, in Thorwal vielleicht nur mittelgroß – stellte sich vor Phileasson hin, und ich dachte einen Moment lang, Praios blendet mich, doch war es nur die Reflexion der Praiosstrahlen auf dem Kettenhemd des jungen Mannes und seine große Schönheit, die mich blendeten. Phileasson ließ den jungen Mann gegen einen seiner Gefolgsleute kämpfen und schien schließlich von ihm überzeugt, denn er grinste beifällig. Als ich in der Warteschlange näher rückte, fiel mir auch die Rondra-Löwin auf seinem Gewand auf, was wiederum einige Erinnerungen aus Donnerbach hochsteigen ließ, an die ich gerade nicht denken wollte. Aber da bestand sicher kein Zusammenhang, das bildete ich mir sicher alles nur ein.

Phileasson nahm meine Bewerbung mit Verwunderung auf und meinte, ich wäre die einzige Heilkundige, die sich gemeldet hätte. Er meinte wohl, die einzige Heilkundige die so gefährlich impulsiv war, mitzukommen, statt sich im Keller anzuketten, bis der Impuls vorbei und die Schiffe davongefahren waren. Aber er sagte ja, also nehme ich an, dass er von meinem Zeugnis beeindruckt war.

Von den Leuten die ich kannte, oder vom Sehen her kannte, stellte Phileasson noch Robak ein, der mit seinem Zeugnis aus Prem vor sich hin wedelte, und Ayrina ebenfalls, die ihm mitten im Gespräch ein Messer an den Kopf warf. Davon schien er beeindruckt. Die hübsche Rothaarige, die sich später als Yesaria Sanya Scarpone vorstellte, wurde ebenfalls an Bord willkommen geheißen; sie wollte die „Moral“ der Mannschaft „hochhalten“. Und das, verzeiht mir, bezweifelte ich keine Sekunde. Dabei hatte sie eine enorm große gefleckte Katze, und mit „enorm groß“ meine ich schon mindestens hüfthoch. In den nächsten Tagen lernten wir auch den hübschen Rondra-Geweihten kennen, der sich als Ansgar Löwenhaupt zu Donnerbach vorstellte. (Ich wusste es – warum sollten meine Einbildungen einfach Einbildungen bleiben?)

Die nächsten Tage verbrachten wir mit Ruderübungen und einer allgemeinen Ausbildung in Schiffsfahrt. Crottet, ein kleiner Mann mit schwarzen Haaren und seltsam gelben Augen der Nivesen nahm sich unserer an und brachte uns das nötigste bei. An einem Abend war Phileasson recht zufrieden mit unserer Leistung und lud uns alle ins Gasthaus ein. Irgendwann im Laufe des Abends kam eine Travia-Geweihte zu ihm, und völlig ohne zu lauschen konnte ich einige Gesprächsfetzen aufschnappen. „Yetiland“ und „Ewiges Eis“ hieß es da. Die Travia-Geweihte hieß Shaya und sollte die Reise mit uns antreten.

Wir machten die letzten Einkäufe und kauften uns Anoraks mit Thorwaler-Mustern (also, ich zumindest, andere Leute haben da kein Auge für Schönheit…), gute Stiefel und weitere Winterkleidung. Am nächsten Tag legten wir mit einer Mannschaft von 50 Leuten mit der Seeadler ab, wobei wir Beorn einen kleinen Wettbewerb beim Herausfahren aus dem Hafen lieferten.

Vielleicht sollte ich einige Worte über den Wettbewerb verlieren. Die Oberste Hetfrau gab jedem der Kapitäne eine Travia-Geweihte mit, die die Reise begleiten sollte. Die Aufgabe der Geweihten war es auch, die Erfüllung der Aufgaben zu bezeugen, sowie dem Kapitän die jeweils nächste Aufgabe mitzuteilen. Es sollte dreimal vier Aufgaben geben, die innerhalb von 80 Wochen zu erfüllen waren. Die ersten zwei Aufgaben hatten wir schon erfahren. Zuerst sollten wir ins Yetiland fahren, um einen der dort lebenden Zweizahnigen Kopfschwänzler lebend zu fangen und ihn mit einem Packschiff zurück nach Thorwal zu schicken. Danach würden wir noch weiter ins kalte Yetiland und darüber hinaus vordringen, um den legendären Turm zu suchen, der den Himmel berührte.

Habe ich erwähnt, dass ich aus dem schönen, weinreichen Almada bin? Das Wetter wurde, je weiter wir nach Norden vordrangen, immer schlechter. Immerhin war es schon Firun. Kurz vor den Olportsteinen – die Thorwaler auf dem Schiff schauten kampflustig aus, als hätten sie sich mit den dort lebenden Piraten gerne einen Kampf geliefert – gerieten wir in einen furchtbaren Sturm, der unser Schiff gegen Felsen schleuderte und so schwer beschädigte, dass wir in Olport Zuflucht nehmen mussten. Die Leute an Deck fielen bei der Kälte reihenweise erschöpft um oder wurden von herumliegenden Holzsplittern verletzt. Ich hatte an dem Abend sehr viel zu tun.

Die Schäden am Schiff waren so schlimm, dass wir fast eine ganze Woche still liegen mussten, aber außer Erholung gab es in Olport nicht viel. Irgendwann kam der Kapitän vorbei, um jeden von der Mannschaft um einen Tropfen Blut als Opfer für Efferd zu bitten, was er von allen nach mehr oder weniger Zögern auch bekam.

Nach dieser verlorenen Zeit waren wir natürlich erpicht darauf, Beorns Schiff einzuholen. Irgendwann schwamm auf offenem Meer ein verlorenes Ruderblatt mit Beorns Wappen an uns vorbei. Wir wussten nicht, ob die andere Mannschaft dem Sturm ausweichen und sicher an Land gehen konnte oder nicht, doch wenn sie es geschafft hatten, waren sie uns um einiges voraus. Unser Schiff fuhr weiter und geriet in eine Nebelbank. Mir war nicht ganz klar, ob eine Nebelbank an sich schon gefährlich war, aber der Skalde – Ohm – ließ es sich nicht nehmen, das abergläubische Volk an Bord mit Schauergeschichten von Geistern im Nebel zu unterhalten, bis auch der größte, härteste, tätowierteste Thorwaler an Bord eine Gänsehaut hatte. Die Geister, so erzählte Ohm, würden Glocken läuten lassen, um die verlorenen Schiffe auf See zu sammeln und sie zu einem der Ihren zu machen.

Und dann läutete eine Glocke im Nebel. Ich habe vorher noch nie einen Haufen so harter Burschen kollektiv wie einen Chor kleiner Mädchen aufkreischen gehört. Aus dem Nebel erklang eine Stimme; sofort sprangen fast alle kampffähigen Leute zu der Schiffsseite von der die Stimmen gekommen waren und warfen alle möglichen Waffen über die Reling, um die „Geister“ zu bekämpfen. Die Seeadler kippte fast um, als aus dem Nebel das heftige Gefluche eines Robbenfängers zu vernehmen war, der uns einiges an den Hals wünschte. (Ich habe mitgeschrieben, was der gesagt hat, es war sehr interessant, aber ich werde es hier nicht wiederholen.) Erleichterung allerseits – wir waren nahe am Ufer des Yetilands, wo die Packschiffe auf uns warteten.

Beim Näherkommen an die Küste wurden wir aufgrund unserer eigenen Unfähigkeit – Rudern ist nichts für uns – zwischen zwei kleinen Eisbergen eingeschlossen, die zum Glück eine kleine Bucht in der Mitte ließen, die etwas größer als unser Schiff war. Die hübsche Rothaarige, Fräulein Scarpone, entschloss sich, über zwei Ruder zum Eis zu balancieren und dann die Eisschicht hinaufzuklettern. Leider stolperte sie beim letzten Schritt und konnte sich gerade am Ruder festhalten, um sich vor einem Sturz ins eisige Wasser zu retten. Mir fiel etwas Seltsames auf; ihre Nägel waren durch die Finger der Handschuhe geborsten und wirklich viel zu lang für einen Menschen. Magie? Auf jeden Fall interessant.

Sie konnte sich wieder aufs Schiff retten, währenddessen tänzelte Robak locker über die Ruder und hüpfte fast mühelos zur Spitze des Eisbergs. Von oben sah er, dass eine Seite des Eisbergs nur etwa vier Schritt breit war und wir sie zur Not durchstoßen könnten – was wir dann nach neun langen Stunden auch schafften. Endlich konnten wir an Yetiland anlegen, wo uns die Packschiffe erwarteten – und auch Beorns Schiff war dort an Land gezogen worden.

Ich weiß nicht, ob ich die ewige Kälte des hohen Nordens bisher vermitteln konnte. Dieses Land war in Firuns eisigem Griff festgefroren. Es war immer kalt. Zu jeder Tages- und Nachtzeit war es so kalt, dass man am liebsten geschrien hätte. Alles, was man mit der bloßen Haut anfasste, blieb kleben. Das Wasser fror beim Gießen ein. Sogar Schnaps wurde zu Eis. In dieser klirrenden Kälte also mussten wir uns ein Lager aus Iglus bauen.

Nach dem Anlegen gab Crottet Yesaria einen Lederanzug für ihre Katze, die solche Kälte nicht gut vertrug. Yessaria selbst bedankte sich mit einer stürmischen Umarmung, und beschloss überdies, wegen der Kälte und vermutlich auch anderer Gründe die ich mir zu beurteilen nicht anmaßen möchte, die Moral des hübschen Rondra-Geweihten zu heben.

Ohm und ich bauten uns unter Kopfkratzen und allgemeinem Unverständnis des Konzepts von Eishäusern gemeinsam ein Iglu und legten uns zum Schlafen hin. Irgendwann in der Nacht fand ich mich schreiend bis zur Hüfte in Eis eingegraben wieder. Die herbei eilenden Helfer gruben mich und Ohm aus, und holten auch unsere Sachen aus dem eingestürzten Iglu. Verfroren nahmen wir Zuflucht in einem anderen Eishaus, wo uns Yesaria freundlicherweise verarztete.

In dieser Nacht, hatte Ayrina Phileasson angeboten, wollte sie Beorns Schiff sabotieren. Sie schlich sich zum gegnerischen Lager hin, das von einigen Leuten aus Beorns Mannschaft bewacht wurde, und versuchte, Chaos anzurichten. Wegen der Kälte konnte sie leider nichts anrichten. Vielleicht war es im Nachhinein gesehen besser so, weil Sabotage Beorn sicher wütend gemacht und zu Vergeltungsschlägen bewogen hätte.

Nach dem Aufwachen, kaum erholt, ging es weiter ins Yetiland hinein, wo wir hofften, jenes sagenhafte Tier, den Zweizahnigen Kopfschwänzler zu jagen. Phileasson bestimmte eine Mannschaft aus sechs Leuten, die in einen der Eissegler passte und die die Vorhut bilden sollte. Die Mannschaft bestand aus Crottet dem Nivesen, dem Krieger Robak, Fräulein Ayrina, Seiner Gnaden Ansgar zu Donnerbach, Fräulein Yesaria samt Haustier und meiner Wenigkeit.

Vorhut zu sein ist nicht unbedingt einfach. Zuerst fanden wir einen Spalt im Packeis, der sich über eine lange Strecke zog und den wir umgehen mussten. Irgendwann stießen wir auf Spuren eines Lagers von Beorn. Der Spalt im Packeis wurde immer breiter. Gegen Abend kam ein Schneesturm auf, so dass wir den Eissegler umdrehen und dahinter Schutz suchen mussten. Als wir so aneinander gedrückt lagen, hörten wir in der plötzlich stillen Luft eine wunderschöne Stimme nach uns rufen. Zögernd standen wir auf – Robak schien begeistert und stammelte etwas von einer hübschen Thorwalerin – doch da stand ein schmucker Almadiner Signorino und zwinkerte mir zu. Verdächtigerweise trug der Hübsche keinen Anorak in dieser Kälte. Aber seine Stimme war schön und wohlklingend und er rief meinen Namen… Zum Glück brachte uns Ayrinas Kreischen zu Sinnen, die versuchte, Robak daran zu hindern, weiter zu der Erscheinung zu gehen. Nach einer Weile hörte die Halluzination auf. Crottet erzählte von ruhelosen Geistern, Feenwesen, Verdammten, die Reisende in der Kälte ins Verderben lockten.

Zurück bei der Nachhut erzählten wir Phileasson von unseren Erkenntnissen und beschlossen, Beorn landeinwärts nachzufahren in der Hoffnung, ein Ende des Spalts im Eis zu finden. Während des Aufenthalts im Lager fiel mir auf, dass unser Moha unentwegt an irgendeinem Kraut kaute, das ihn zu wärmen schien – ihn aber auch apathisch machte. Er überließ mir etwas von seinem Kraut, und ich bin mir sicher ich sollte mich an den Namen erinnern, aber in der Kälte wollte er mir nicht einfallen.

Wieder dem Tross vorausfahrend, fanden wir schließlich das Ende der Eisspalte und stießen dabei auf ein Feld voller stachliger Dinge. Vielleicht sollte ich näher erklären. Vor unserem Eissegler tauchte plötzlich eine kugelförmige Eisskulptur aus durchsichtig-weißen Stacheln. Wir schafften es nicht, rechtzeitig zu bremsen, also explodierte dieses Ding beim Aufprall und verteilte weiße Stacheln in alle Richtungen, vor allem auf uns. Jeder von uns wurde verletzt, Yesaria sogar etwas schlimmer als alle anderen. Während ich die Verletzten verarztete, zerbrachen sich die anderen den Kopf darüber, wie wir über ein ganzes Feld von diesen explodierenden Dingern fahren sollen.

Ayrina hatte bei den Skulpturen ein akut schlechtes Gefühl, und als wir die Stücke des explodierten Dings untersuchen, stellten wir erstaunt fest, dass es wohl Organe sein mussten. Als dann jemand sagte, bei der Explosion könnte sich um eine Art Fortpflanzung handeln, überlegte ich kurz, zog dem Herrn Ansgar das Hemd vom Rücken und untersuchte seine Verletzung noch einmal nach Rückständen. Und wirklich, da war noch eine lange, dünne, fast durchsichtige Nadel in der Haut. Unwahrscheinlich zwar, dass so ein Ding die Körpertemperatur eines Menschen als guten Keimboden empfunden hätte, andererseits, was hätten wir getan wenn der gute Rondra-Geweihte plötzlich einen stachligen, weißen Buckel bekommen hätte?

Nachdem klar war, dass die größeren Tiere/Pflanzen gefährlich waren und die kleineren möglicherweise nicht so sehr, entschieden wir, einen Weg durch das Feld zu suchen, bei dem wir die großen umgehen konnten. So sollten wir ohne Verletzungen zur anderen Seite kommen. Phileasson holte uns irgendwann ein, und wir durchquerten das Feld und machten Halt für die Nacht.

Am nächsten Morgen ging es als Vorhut weiter. Bald sahen wir am Horizont so etwas wie einen Eissegler, und als wir in der Nähe angekommen waren, bemerkten wir, dass er komplett gebrochen war, die Kufe ausgerenkt und das Segel abgebrochen. Große Eisbrocken bedeckten den Segler und auch die Leichen der Insassen; in einer Vertiefung dazwischen fand sich eine riesige, weiß behaarte Hand – Beorns Leute waren wohl mit Yetis in Konflikt geraten.

Herr zu Donnerbach begrub die Leichen unter ewigem Eis und sprach einen Boronssegen. Etwas weiter entfernt, ein Quietschen und viele kleine Schritte – eine kleine Armee von Boronskuttentauchern kam uns entgegen und sorgte nach diesem schrecklichen Moment mit ihrem Gewatschel für etwas Aufmunterung. Mir fiel sogar das Isidra-Wort für diese Vögelchen ein – puin guin. Yasindas Katze sah einen Moment lang zu ihrer Herrin, dann schien es, als ob sie Erlaubnis bekommen hätte. Sie sprang zum Ende des Zuges, wo sie ein flauschiges, tapsiges Junges riss und sich daran labte.

Etwas später, wieder unterwegs, hörten wir zwischen den Windböen etwas wie Schreien, oder Weinen? Als wir näher kamen, fanden wir einen weiteren schrecklichen Anblick. Eine weiße Gestalt, in den Schneeverwehungen für uns kaum sichtbar, in ihrem Rücken viele Thorwalerpfeile, und in ihren toten Armen ein schreiendes weißes Fellbündel. Yasinda nam sich des entkräfteten Yeti-Babys an. Wir versuchten, es so gut wie es geht zu füttern und mit Flüssigkeit zu versorgen, und machten uns wieder auf den Weg.

Nach sehr kurzer Fahrt fiel ein riesiger Eisbrocken auf den Eissegler. Wir schafften es gerade noch, abzubremsen und zu sehen, dass wir, wie schon vermutet, von einer Horde Yetis angegriffen wurden. Yasinda hielt geistesgegenwärtig das Yeti-Baby hoch und nach einigen Momenten hörte auch der Eishagel auf, auf unser Schiff einzuschlagen. Durch einen komplizierten diplomatischen Austausch, bei dem keine Worte fielen, weil wir die Yeti-Sprache nicht kennen, konnte Yasinda die Yetis überzeugen, dass wir harmlos waren. Die weißen Riesen nahmen uns mit in ihre Siedlung, nahmen das Baby aber seltsamerweise nicht von uns, sondern ließen es in unseren Händen.

In der Yeti-Siedlung konnten wir uns etwas ausruhen. Eine bei ihnen lebende Elfe – Galandel mit Namen – befragte uns nach dem Zweck unserer Reise und veranlasste schließlich, dass das Yeti-Kind von seinen Leuten aufgenommen wurde. Sie bot uns Gastfreundschaft an, die wir dankbar annahmen. Kurz wunderten wir uns, ob wir Phileasson Bescheid sagen sollten, im Fall dass er unseren verlassenen und kaputtgeschlagenen Eissegler finden sollte, aber Crottet beruhigte uns. Es gab die Schneemenschen-Version eines Festmahls, das meinem Magen leider nicht bekam. Das nächste Mal, dass jemand mir den Mageninhalt von Boronskuttentauchern, rohe Leber und Eisbärenblut anbietet, wollte ich dankend ablehnen.

Während des Abendessens und zwischen den Pausen, in denen ich mich übergeben musste, erzählten wir Galandel vom Zweck unserer Reise und von unserer Suche nach dem Zweizahnigen Kopfschwänzler. Zum Glück ist dieses Tier den Schneemenschen nicht heilig, und so erklärte sich Galandel bereit, uns mit zwei Jägern ihres Stammes zum einem anderen Yeti-Stamm zu begleiten um dort für uns die Erlaubnis zu erwirken, eines dieser Tiere lebendig zu fangen und nach Thorwal zu entführen.

Außerdem erzählte sie uns ein wenig von ihrem Leben; sie war als junge Elfe, noch zu Zeiten von König Eslam, aus dem Lieblichen Feld aufgebrochen, um hier im ewigen Eis nach den sagenhaften Elfen zu suchen, die einen Turm in der Eissteppe bewohnten. Alle Angehörigen der Expedition waren gestorben, bis auf sie, und sie war bei den Schneemenschen geblieben, als eine Art Beraterin. Oder so ähnlich. Mein Magen war zu diesem Zeitpunkt noch etwas zu aufgeregt zum Zuhören.

Am nächsten Morgen traf Foggwulf ein und war über den Pakt mit den Schneemenschen erfreut. Der Skalde befragte Galandel näher zu ihrer Expedition ins ewige Eis, und bald ging es mit ihr und zwei Jägern der Schneemenschen zum Tal der Donnerwanderer. Im Tausch gegen einige Metallgegenstände konnte Galandel für uns die Erlaubnis erwirken, einen Zweizahnigen Kopfschwänzler zu jagen; daraufhin verabschiedeten sie und die Yetis sich wieder von uns.

Das Tal selbst erreichten wir nach Klettern über einen Wasserfall und durch einen Tunnel aus krachendem Eis, von dem ein Brocken Robak auf den Kopf fiel und ihn verletzte. Und das Tal selbst – nach so vielen Tagen in eisiger Kälte wieder sein eigenes Gesicht zu spüren ist schon sehr interessant – das Tal wurde nämlich von einigen Geysiren gewärmt, die in mehreren Tümpeln und einem großen See aus dem Boden schossen.

Die Versuchung war zu groß. Mit kaum einen Blick für die anwesenden Leute suchten sich einige von uns stille Plätzchen am See – der eine angenehme Temperatur hatte, anders als die kleineren Becken, die zu heiß waren – und sprangen ins herrlich warme Wasser.

Die Versuchung hatte natürlich ihren Preis, stellte ich fest, als mich etwas im Wasser ins Bein biss. Blutend und schreiend sprang ich aus dem Wasser und lief, immer noch schreiend, in Richtung meiner Kleider. Dass mir ein großes Vieh auf den Fersen war, merkte ich in meiner Panik erst gar nicht, auch nicht dass die anderen Badeenthusiasten ebenfalls von riesigen Alligatoren verfolgt wurden. Zum Glück fand sich Robak bereit, die Bestie für mich zu vertreiben. Auch die anderen kämpften tapfer, und bald war die Bedrohung abgewendet. Trotzdem – was für unnatürliche Amphibien, in diesem Warmwasser zu leben und außerdem – wie sind sie durch den eisigen, kalten Gürtel von Firuns schlimmster Kälte hergekommen? Aber sobald ich Kopfschmerzen vom Nachdenken hatte, beschloss ich, damit aufzuhören. Den Nachmittag vertrieb ich mir damit, unsere Leute wieder zusammenzuflicken.

Wir beschlossen, Zweizahnige Kopfschwänzler zu jagen, und irgendjemand fand dann auch eine Herde von diesen Tieren. Eigentlich sahen sie nett und gemütlich aus, wenn auch eine Höhe von 30 Schritt nicht wirklich zum Knuddeln einlädt. Ach ja, Knuddeln – Robak hatte irgendwann im Laufe der Reise seine Seelenverwandtschaft zu Yasindas Katze entdeckt und die beiden haben beschlossen, einen Kuschelpakt einzugehen. Wenn ihnen langweilig wird, streicheln sie einander.

Da uns die Mittel fehlten, ein so riesiges Tier durch die gesamte Eistundra zu tragen, beschlossen wir, ein Jungtier zu jagen. Zum Glück gab es in der Herde ein Junges. Während der Planung wurden viele Ideen vorgetragen, viele davon dämlich bis gefährlich dumm; Raluf, ein Thorwaler aus der Mannschaft – riesig groß und fit, aber von, hm, erstaunlicher Naivität – ließ sich von Yasinda überreden, auf eine Anhöhe zu klettern um dort die Lage für eine Falle zu sondieren. Beim Hinunterklettern brach er sich das Bein. Zum Glück war er gut beieinander und die Verletzung würde ihn nicht lange stören – dennoch war es ärgerlich, wenn so etwas passierte.

Letztendlich sah der Plan folgendermaßen aus: Wir würden die Herde aufscheuchen, durch einen schmalen Durchgang bei der Anhöhe jagen, und dem Jungtier, von dem wir annahmen, es würde das langsamste sein, den Weg abschneiden. Dann wäre es an den beiden Thorwalern, Robak und Ansgar, das Junge einzufangen. Ein typisch Thorwalscher Selbstmord-Plan. Seltsamerweise funktionierte er. Die Mutter des Jungen wollte zurückkehren, um das Kleine zu retten und fing an, die Steine mit dem Rüssel wegzuräumen, aber die Steine fielen weiter auf sie herab, bis sie tot war. Das Junge irrte verwirrt und apathisch trötend durch die Vegetation, bis es von den zwei Männern eingefangen wurde. Habe ich schon erwähnt, dass ich solche Aktionen für grausam und badoc halte? Ich hoffte, dass das Jungtier in Thorwal zumindest zu etwas gebraucht und nicht nur als sinnloser Wetteinsatz entführt wurde.

Wieder zurück im Tunnel aus Eis versuchte ich, mich an den Gedanken zu gewöhnen dass mein Gesicht gleich wieder einfrieren würde, als uns klar wurde dass wir das junge Tier noch den Wasserfall hinunterbringen mussten. Mitten im krachenden Eis fingen wir an, Ideen und Vorschläge zu wälzen. Ayrina und ich seilten uns ab, um zum Lager vorzugehen und Hilfe zu holen. Jemandem in der Höhle fiel ein Stück Eis auf den Kopf. Sie versuchten, das Tier rückwärts durch den Tunnel zu führen, denn umdrehen konnte es sich nicht, aber ein großer Eissplitter fiel ihm auf den Rücken und es verfiel in blinde Panik. Trötend preschte es nach vorne und zum Wasserfall, wo es dann mit einem gekonnten Kopfsprung neun Schritt tiefer unten im kalten Wasser landete und von unseren Leuten völlig benommen wieder herausgezogen wurde. Was für eine Lösung.

Bald trafen wir die Schneemenschen wieder, die für uns eine Feier machten – erraten, Dinge aus Mägen anderer Dinge, Blut und Organe, und alles Efferd-gefällig zubereitet. Lecker! Die Elfe erzählte uns ein-zwei Dinge über den Himmelsturm, den wir suchten, und am nächsten Morgen machten wir uns auf, Phileassons zweite Aufgabe zu erfüllen.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s