as I scan this wasted land

Maisgrieß und Fischeintopf

Der 15. Praios ist der Baroness Geburtstag. Diesen schönen sonnigen Tag begann sie mit einem Frühstück, geliefert von mir, und einem Blumenstrauß samt Gedicht, geliefert von einem Edelknaben, der im Fürstenschloss lebte und die ritterlichen Tugenden lernte.

Da die Mädchen in der Küche mir einiges erzählt haben – zwischen ihrer großäugigen Bewunderung für meine „weiten Reisen“, denn ich war schon einmal in Nostria gewesen – fragte ich die Baroness, ob sie vielleicht Interesse hätte, an ihrem Geburtstag eine Wahrsagerin aufzusuchen. Sie hatte kein Interesse. Mein Herr jedoch wurde von seiner Neugier geradezu aus den Federn geworfen, die Dame in seinem Bett gerade eben eines fragenden Blickes würdig. Ich denke, er war sich nicht ganz sicher wie sie hieß, aber er sah kurzzeitig so aus, als hätte er es gerne gewusst. Ob er langsam alt wird?

Dann verschwand der Blick, und nach dem Frühstück machten wir uns zu dritt auf, um meinen Herren zur Wahrsagerin und zu anderen Besorgungen zu begleiten. Denn selbstverständlich war mein Herr nach einer kleinen Erinnerung sofort Feuer und Flamme, der Baroness ein würdiges Geschenk zu ihrem Tsatag zu verehren.

So führte uns der Weg vom Palast zur Wahrsagerin, und diese prophezeite uns einiges, vor allem aber Tod, Chaos und Zerstörung. Habe ich schon erwähnt, dass wir bald in eisige Tiefen der Unterstadt tauchen sollen? Die Wahrsagerin hat offensichtlich Ahnung.

Nach der aufbauenden Lesung führten uns unsere Schritte zum Imman-Stadion, an dem mein Herr voller Enthusiasmus nicht nur zwei Karten (für die Baroness und sich), sondern gleich eine ganze Loge für das in zwei Tage stattfindende Spiel der Havena Bullen gegen die Premer Pottwale besorgte. Das hieß, auch Andaryn und meine Wenigkeit würden sich das Spiel anschauen können.

Doch hier war die Unternehmungslust meines Herren nicht erschöpft: Er erkundigte sich, wo man sich in den Farben der Havena Bullen eindecken konnte, und bald waren wir auf dem Weg zur Schneidergilde, von wo aus man uns weiter in das südliche Nalleshof schickte, um die Sachen abzuholen. Unterwegs schneiten wir noch in eine nette kleine Bäckerei, wo man uns Apfel-Hollunder-Törtchen verkaufte – es war fast wie eine yaquirische Konditorei! – und eine Torte für den Geburtstag der Baroness wurde bestellt, die man in den Fürstenpalast liefern würde.

Der Bäcker tupfte sich die tränenden Augen trocken – er hat wohl noch nie in den Palast liefern dürfen – und zeigte uns den Weg zur Schneiderei, wo wir unsere Sachen abholen wollten. Die Schneiderei war in einem ziemlich stinkendem Viertel, und der Meister dort war etwas unwirsch und konnte nur schlecht lesen, aber gegen die Vorlage des Scheins der Schneidergilde gab er uns eine Holzkiste mit jeweils vier Kutten, Schals, Stoffhelmen mit Stoffhörnern, kleinen Fähnchen und einer großen Fahne, die man von der Loge herabhängen lassen konnte. Die Tröten und die Ratschen hatte er leider nicht, aber er beschrieb uns den Weg zum Tischlermeister, der sie machte.

Also ging es weiter nach Süden zur Zollbrücke, die als wir ankamen gerade hochgezogen war. Einige schick in albernischen Uniformen angezogene Männer und Frauen stiegen auf ein Schiff und das Schiff segelte mit ihnen davon, unter viel Tränen, Jubel und Taschentücher-Schwenken. Auf der anderen Seite holten wir die Tröten und die Ratschen und probierten sie – bestimmt zum Ärger einiger Leute – sofort aus. An dieser Stelle muss ich zugeben, ich war ständig am Überlegen, wo ich einen Schal mit den Farben der Premer Pottwale finden könnte, aber der Signorino war sehr dagegen, und schlussendlich gab es in Havena auch nichts dergleichen.

Auf dem Weg zum Efferd-Tempel – denn schließlich wollten wir den Herren des Meeres vor unserem bevorstehenden Ausflug in sein Reich um Gnade bitten – überquerten wir den Bennain-Damm. Die Brise, die über das offene Meer wehte, machte die Luft plötzlich trotz des hellem Scheins der Praiosscheibe kälter, und auf dem Meer stiegen Nebelschwaden auf. Im Nebel schien ein dunkles Auge auf uns zu blicken, doch dann löste es sich auf – es war wohl nur eine Gasblase. Etwas weiter rechts, an Land, sahen wir ein allein stehendes Gebäude an einer Landzunge. Ein-zwei Leute gingen hinein und hinaus, Blumen blühten wie farbige Flecken um das Haus, nichts besonderes. Ich weiß gar nicht wieso mir das Gebäude aufgefallen ist. Wir gingen weiter und waren froh, vom Bennain-Damm herunter und aus dem Wind zu kommen.

Wieder zwischen Häusern, stolperten wir zufällig über die Gilde der Waffenschmiede, wo uns ein älterer Herr, Meister Schlagtreu, mit Efferdgruß willkommen hieß. Durchaus seltsam für einen Schmied, der wohl eher Ingerim zugetan sein sollte, aber das hier ist Havena, und die Leute hier sind anders als daheim. Signorino de Tounens ließ sich ausführlich über Schwerter beraten, und bat dann den alten Mann, abzuwarten bis er sich entschlossen hatte, ob er das Schwert nun wollte oder nicht. Das ist eben Adel.

Da es dann schon fast Nachmittag war und wir seit dem Frühstück nur Törtchen gegessen hatten, stürzten wir uns auf den Fischmarkt und probierten alles, was Efferds Gnade den Menschen zukommen ließ. Da gab es gebratene Fische – sogar Salzarele, die Andaryn dann mit Tränen in den Augen verspeiste – der Rest von uns verzichtete. Es gab Muscheln und Tintenfische, Fischeintopf mit feinem, festen Maisgrießbrei und Fischsuppe mit Brot, Krabben und Hummer und… na gut, hier wird ein Hafenkind wieder mal nostalgisch. In Nostria füllen sie die Salzarele gern mit Schaf… ich war lange in Nostria und fast noch länger in Andergast.

Nachdem wir uns von der Esserei erholt hatten, rollten wir zum Efferd-Tempel. Dort spendeten wir und beteten um Nachsicht von Efferd und beschlossen, am Tag vor unserem Tauchgang noch einmal zu kommen, um einen Efferdssegen zu empfangen.

Der Weg über die Krakeninsel war der kürzeste zum Palast, also gingen wir dort entlang. Irgendwo im Inselgewirr hörten wir eine weibliche Stimme aufschreien, und gleich darauf waren mein Herr und ich aus Andaryns Sicht entschwunden – der Ärmste schleppte die Kiste mit dem Havena-Bullen-Zubehör.

Habe ich schon erwähnt, dass Krakeninsel eigentlich genau so ist, wie eine Stadt sein sollte? Es ist ein Stadtteil, der auf kleinen Inseln steht. Oder vielleicht sind die Häuser nur auf Masten gebaut. Wie auch immer, die Straßen – oder die Gärten? – bestehen aus Wasser, und das erscheint mir richtig.

Auf einem der kleinen Plätze dort sahen wir einige würdig angezogene Männer mit Bärten und Pfeifen den Hintern einer jungen Frau versohlen. Daneben war ein junger Mann, der offensichtlich schon Dresche bezogen hatte, denn er rieb sich die betreffende Stelle und sah bestraft aus. Mein Herr erkundigte sich nach dem Vorgang, bedankte sich für die Antwort und kehrte dann mit mir im Schlepptau wieder zurück zu Andaryn.

Später erfuhren wir von diesem alten Gesetz, das auf der Krakeninsel noch in Kraft war, nach dem nicht-traviagefälliges Treiben mit körperlicher Züchtigung zu ahnden war. Kein Wunder dass mein Herr so schnell verschwunden ist – er hat irgendwann vergessen, wie man das Wort Traviabund überhaupt schreibt.

Bevor wir die Krakeninsel verließen, hielten wir kurz beim Herrn Medicus an, der uns bei der Suche nach den kranken Matrosen eine große Hilfe gewesen war. Mein Herr hielt einen kurzen Plausch mit Versicherungen der gegenseitigen Wertschätzung, und dann ging es weiter über die Meeresstraße an der Grenze zwischen Orkendorf und Marschen. Dort fiel mir ein, nach Zinken an den Hauswänden zu suchen, die vielleicht zu einem Schrein des Listigen führten, denn auch er hatte bestimmt Interesse an unserem Vorhaben unter dem Meer. Das ließ mich aussehen, als würde ich trödeln, mein Herr wurde ungeduldig, und Hinweise fand ich auch nicht.

Schließlich waren wir im Schloss und machten uns präsentabel, um am Abend bei der Geburtstagsfeier der Baroness dabei zu sein, die die Fürstin veranlasst hatte. Die Baroness, die den ganzen Tag in der Bibliothek des Fürsten verbracht hatte, hob die Augenbrauen etwas als der Signorino ihr freudestrahlend sein Geschenk überreichte. Als Dame von Welt bedankte sie sich artig, und dann konnte die Dienerschaft auch schon in die Küche gehen, um bei ihrer eigenen kleinen Feier auf die Baroness anzustoßen. Das letzte woran ich mich erinnern kann ist dass ich wieder einmal sehr viel Spaß hatte und der blonde Küchenjunge mich am Morgen mit einem Lächeln begrüßte. Wie hieß der nochmal?

Mein Herr hatte sich anscheinend eine Vertreterin des Ältestenrates angelacht, Elewene Aranol, und sie fand ihn so bezaubernd, dass sie ihn anschließend zu sich nach Hause einlud. Wenn ich „Ältestenrat“ sage, meine ich keinesfalls, dass die Dame an der Krücke ging. Sie war eine sehr gutaussehende Dame in ihren Zwanzigern und einem gewissen… Blick. Natürlich etwas älter als die übliche Beute meines Herren, aber es schadete ihm bestimmt nicht, ein-zwei neue Sachen zu lernen und vielleicht selbst einmal die Beute zu sein.

Am nächsten Tag hatten wir zu tun. Mein Herr meinte, als wir in Unterfluren angekommen waren, er wolle das Haus von Dame Aranol suchen – daraufhin hatte die Baroness einen kleinen Temperamentausbruch, den man bei einer weniger feinen Person auch als Anfall bezeichnet hätte. Also tauchten wir alsbald bei Meister Leonardo auf, der sich erst einmal begeistert zeigte, dass wir mit seiner Flugmaschine fliegen wollten, bis wir ihn aufklärten, dass wir wegen dem Tauchgang da waren. Dies begeisterte ihn ebenfalls.

In der Zwischenzeit hatte er sich einige Gedanken über alles gemacht und zeigte uns im Tierversuch mit einer panischen Maus, wie eine Taucherglocke ungefähr funktionieren sollte. Dies erweckte nicht wirklich mein Vertrauen, aber immerhin war es besser als einfach ins Hafenbecken geworfen zu werden. Die Maus wurde dann irgendwann (lebendig) herausgelassen. Ich wette Rammböck, Meister Leonardos Helfer wird sie einfangen und füttern damit Leonardo sie für Flugversuche einsetzen kann. Tierquäler.

Wir sollten, mit Fett eingeschmiert, in Wollgewändern und einer speziellen Lederrüstung mit Glasfenster und Helm mit Luftzufuhr in den Hafen tauchen. Das heißt, zuerst sollte die Taucherglocke zum Einsatz kommen, bis wir das Haus gefunden hatten, aus dem Leonardo Artefakte und Schriften haben wollte. Danach würden wir in diesen seltsamen Anzügen ins Haus gehen. Leonardo hoffte, wir würden einige in Tontöpfen versiegelte wissenschaftliche Schriftstücke finden und retten können.

Es war wirklich schade, dass uns die Monster da unten fressen würden, bevor wir irgendwas oder irgendwen retten konnten. Vor allem da die von Meister Leonardo bereitgestellte Rüstung sehr sperrig war, die Gläser, die uns Sicht aus dem Helm erlaubten viel zu dick um wirklich viel sehen zu können und die Waffen, die er uns in die Unterstadt mitgeben wollte… Dreizacke waren. Sehr stimmiger Gedanke, muss ich zugeben, aber ich kann mit einem Dreizack genauso viel anfangen wie mit einem Zweihänder, nämlich nichts. Na gut, ich könnte mich bestimmt selbst damit verletzen, vermutlich aber niemand anderen, es sei denn ich ziele ich die andere Richtung.

Die Baroness schien einiges zu Seemonstern sagen zu wollen, aber sie sagte lieber nichts. Dafür gab es einen angespannten Moment als Rammböck meinte, man würde uns für den Tauchgang mit Delfinfett einschmieren. Genauso gut könnte ich mit der Imman-Tröte in den Boron-Tempel rennen und im Travia-Tempel eine Gans braten… tststs… wir einigten uns mit Rammböck auf Schweinefett, obwohl er meinte, das wäre völlig unwissenschaftlich von uns.

Nach dem Besuch beim Mechanikus trennten sich unsere Wege, denn die Baroness nahm Andaryn mit in den Palast, während mein Herr mich vor der Tür von Dame Aranol meiner Wege gehen ließ. Ich weiß nicht genau was er dort anstellen wollte, aber es war nicht allzu schwer zu erraten, vor allem als mir ein paar Passanten sagten, das Haus wäre Sitz der Kurtisanengilde. Das machte mir dann doch etwas Sorgen, denn mein Herr meint ja immer, er würde nie dafür bezahlen. Was also hatte er dort zu suchen?

Jedoch hatte ich eigene Pläne, also machte ich mich auf die Suche nach einem kleinen Schrein, wo ich dem Fuchs seinen Anteil geben und ein paar Worte in sein geneigtes Ohr flüstern konnte. Es fanden sich ein paar nette Leute, die so freundlich waren, mir nicht nur den Weg zu einem Schrein zu zeigen, sondern mir auch Hinweise auf den großen geheimen Tempel des Listigen zu geben. Die Leute, die mir dazu verhelfen könnten sind derzeit leider etwas außerhalb meiner Reichweite, aber wer weiß…

Die Baroness verbrachte zur gleichen Zeit einen erbaulichen Abend bei einer Patrizierfamilie, deren Mitglieder sich vor allem für den Signorino und seine Verbindungen nach Belhanka interessierten. Am nächsten Tag sprach mein Herr bei ihnen vor und verabredete sich für ein nettes Abendessen am 18. Praios – denn am 17. hatte er keine Zeit, da war nämlich ein großes Ereignis angesagt: Imman!

Der 17. Praios wurde von meinem Herren mit großer Freude begrüßt. Er zog durch den Palast, trötete mit seinem neuen Lieblingsinstrument und versuchte, alle möglichen Leute für das Spiel zu begeistern. Eigentlich seltsam wenn man bedenkt, was für Weicheier das Imman-Team von Belhanka sind, vor allem im Vergleich zu den Adlern von Grangor. Nun ja, diesmal spielten die Pottwale gegen die Bullen, und wir fanden uns in der Loge mit allen Köstlichkeiten aus Havena versorgt.

Die Mannschaft von Havena zog in voller Montur und mit Schützern auf den Knien und den Unterarmen ins Stadion, währen die Thorwaler auf das Leibchen verzichteten und ohne Schutz spielten. Das nenne ich Härte. Und Fanservice. Ich lief schnell, um meinen zwei Heller auf die Pottwale zu wetten und lehnte mich dann zurück, um den Ausblick von schwitzenden, muskulösen Thorwalern auf dem Rasen zu genießen. Na gut, ich übertreibe, zugegebenermaßen haben wir nicht würdevoll die Aussicht genossen sondern haben geschrien, getrötet und die Fähnchen geschwenkt in dem allgemeinen Wahnsinn des Spiels. Irgendwo weiter links von der Loge war die Loge des Fürsten, der sein Team unterstützte.

Die Bullen waren recht organisiert im Feld, aber schließlich reichte das gegen die pure, unorganisierte Brutalität der Premer Horde nicht aus, und während die Havena-Fans trauerten, lernte ich mithilfe … oder sagen wir lieber, unter Zwang … meines Herren einen netten Thorwaler Spieler näher kennen. Während ich volle Havena-Montur trug. Nun ja, Lokalverbot in Esche und Kork hatte ich ja schon. Nach dem ersten Kennenlernen wollte der Junge mich noch mitnehmen, um weiter zu feiern, aber ich hatte irgendwie genug von schwitzenden Muskeln und roher Kraft und war einfach nur dankbar dafür, dass die Apotheken in Havena so lange offen haben und ziemlich gut ausgestattet sind.

Der Aufregung folgte ein tiefer Schlaf, und dem tiefen Schlaf folgte ein Morgen, der uns zu Leonardo und einem lehrreichen Probe-Tauchgang führte. Der Baroness, zeitweise mit ihrem neuesten Musikinstrument beschäftigt, gelang ein musikalisches Wunder – sie war in der Lage, der hölzernen Imman-Tröte Melodien zu entlocken! Das ist bestimmt noch niemandem gelungen. Später am gleichen Tag versuchte sich mein Herr am Handel und Diplomatie – er bekam das Angebot, einem Patrizier beim Aufbau von Handelsbeziehungen nach Belhanka zu helfen. Ich beobachtete mit Wohlwollen, dass mein Herr sich langsam für so etwas wie einen Beruf zu interessieren begann. Etwas mehr Gold in seiner ewig leeren Geldkatze würde ihm sicher nicht schaden.

Und so war der Praios im schönen Havena für uns. Bald würden wir in die Unterstadt tauchen, aber im hellen Licht der Praiosscheibe und ihren wärmenden Strahlen war es schwer, anders als vorsichtig optimistisch in die Zukunft zu schauen.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s