as I scan this wasted land

Thalya taucht tief

Einige Anproben bei Leonardo kamen und gingen. Er versuchte, uns wieder einmal Delfinteile als optimale Tauchausrüstung anzudrehen. Wir lernten einen weiteren Teilnehmer an Leonardos Expedition kennen, der uns als Experte begleiten sollte. Es war ein Matrose, Garald Leomarsson mit Namen. Sah recht thorwalsch aus, aber ohne sichtbare Hautbilder, also konnte ich gerade noch an mir halten.

In der Zwischenzeit stellte sich die Frage, ob mein Herr etwas dagegen hatte, das ich seine Post lese. Ich denke aber nicht. Er weiß, ich stehe immer auf seiner Seite, und es ist vermutlich besser wenn ich in seine wilden Pläne eingeweiht bin (um notfalls Hilfe zu holen).

Mein Herr trieb indessen weiter seine Verhandlungen mit der Familie Vecushmar voran, und schickte mich los um zu vereinbaren, dass im Alten Tempel des Efferd eine Messe für uns gelesen werde, bei der wir Efferds Segen erbitten würden. In diesem Zusammenhang: ich habe schon wieder kein Geld mehr.

Am Tag der Messe wurde eines der Dienstmädchen im Schloss krank und ich bot mich an, ihre Pflichten soweit ich konnte zu übernehmen. Die Dienerschaft schien seitdem auch irgendwie netter zu mir zu sein. Die Leute in Havena sind schon seltsam… Andaryn hatte unterdessen beschlossen, den thorwalschen Matrosen, der ihm gefolgt war wie ein Hündchen, noch vor der Messe zu einer gediegenen Sauftour mitzunehmen. Ich weiß nicht genau was da passiert ist, nur dass sie im Orkendorf gelandet sind, jemand Andaryns Stiefel bewunderte und sie sich nicht so recht wohl gefühlt haben. Anscheinend ist das Bier im Orkendorf auch recht teuer. Hätte ich nicht gedacht.

Auf dem Weg über die Krakeninsel zog mein Herr Blicke einiger Mädchen auf sich, was ihm sichtlich Spaß zu machen schien. Die armen jungen Frauen haben wohl noch nie so einen hübschen Menschen zu Gesicht bekommen und konnten nicht anders als ihm hinterher zu schauen, sehr zum Missfallen ihrer Eltern. Bei der Messe wurden wir ins Allerheiligste vorgelassen, auch die Fürstin war mit einem jungen Mitglied ihrer Familie anwesend. Wir opferten Efferd, und in einer würdigen Zeremonie bekamen wir vom Geweihten Graustein Korallenstücke auf die Zunge gelegt, die später in ihre Kästchen zurückgelegt wurden. Einen Moment lang dachte ich nur daran, auf wie vielen Zungen diese Korallen schon gelegen sein müssen. Die Baroness verzog das Gesicht, als hätte sie schon einen ähnlichen Gedanken gehabt. Wir beschlossen, Efferd zu Ehren bis zum Abschluss der Expedition auf Essen zu verzichten, das auf dem Feuer gegart wurde.

Einige Tage lang machten wir einen Tauchgang nach dem anderen am Bennain-Damm, um die Taucherglocke auszuprobieren und Leonardo zu helfen, die Tauchausrüstung für uns zu optimieren. Der Damm wurde auf Befehl des Fürsten und trotz des Protests des Ältestenrates für Leonardos Experiment tagelang abgeschlossen. Zuerst wurde die Glocke nicht gerade ins Meer herabgelassen, so von unten Meerwasser eindringen konnte, dann konnten wir den Wagen, auf dem die Glocke im Meer aufliegen sollte nicht bewegen und Leonardo musste andere Wege finden, sie im Meer zu bewegen. Außerdem gab es Probleme mit der Tauchrüstung und dem Helm, dessen Glaslinse bis zuletzt viel zu trüb blieb, um sich vernünftig umzusehen.

Bei meinem ersten Ausflug unter der Glocke sah ich die Welt unter Wasser, wie sie bestimmt noch nie jemand außer uns gesehen hat. Uns und der gesamten Neckar-Bevölkerung. Bunte Fische flitzten hin und her, sie sahen aus wie Vogelschwärme. Rote, gelbe und blaue Pilze, die leuchtende Fäden hinter sich herzogen, so groß wie mein Kopf, ließen sich tanzend von Strömungen tragen. Seeigel und Seesterne, Krabben und Schnecken auf dem Meeresboden, auf dem sich noch die Straßen des alten Havena abzeichneten. Ein Tier, das halb aussah wie ein Pferdchen und halb wie eine eingerollte Schlange, drückte sich einen Augenblick lang gegen die gläserne Glocke. Gräser, die aussahen als würden sie winken, leuchteten kurz auf im Licht der Gwen Petryl-Steine. Die gepflasterten, verfallenden Straßen des alten Havena zogen sich hin und verschwanden im blauen Dämmerlicht.

Als Leonardo erklärte, dass er mit den Verbesserungen so weit gekommen war wie er konnte, fingen wir an, das Haus zu suchen, in dem er Artefakte vermutete. Dazu tauchten wir mit der Glocke in acht Schritt Tiefe herab, untersuchten die unmittelbare Umgebung der Glocke soweit unsere Atemluft es zuließ, und tauchten mit der Glocke wieder auf, um die nächste Stelle auf Leonardos Plan abzusuchen.

Bei einem der Tauchgänge hatte ein Streifenhai die Gelegenheit, die Bekanntschaft einer entrüsteten Baroness zu schließen. Er bekam von ihr einen solchen Schlag mit dem Dreizack auf die Kiemen, dass er blutend schleunigst davon schwamm. Um der Gefahr zu entgehen, noch mehr Streifenhaie zu treffen, beschlossen wir, einigen Abstand zwischen diesem und dem nächsten Tauchplatz zu lassen. Auf dem Boden sahen wir im Vorbeirudern lange rote Streifen, und als Andaryn seinen Kopf unter Wasser steckte um sie näher anzusehen, berichtete er, sie sähen aus wie Schlangen. Also beschlossen wir, sicherheitshalber noch ein Stückchen weiter zu rudern, bevor wir wieder einen Tauchgang unternahmen. Es gab keinen Grund, sich mit roten Schlangen auf dem Meeresboden einzulassen.

Drei Stunden vor Einbruch der Dunkelheit am selben Tag schipperte die Tiefensucher – Leonardos Katamaran – zu einer Stelle in der Unterstadt, bei der es mir schließlich gelang, das richtige Haus zu finden. Unterdessen fand mein Herr eine hübsche leere Muschel, die zwischen zwei Steinen eingeklemmt worden war, und unter bestimmten Lichteinfall aussah wie ein Dukat. Er zwickte sich beim Stochern heldenhaft den Finger ein.

Das Haus das ich gefunden hatte war, wie die Baroness nach ihrem Tauchgang berichtete, ein einstöckiger Bau mit einer großen Halle. Während ich in der Glocke Stellung hielt, tauchten die anderen weiter, um das Haus von allen Seiten zu untersuchen. Die Baroness und der Matrose schwammen links, der Signorino mit Andaryn rechts. Als mein Herr in eines der geborstenen Fenster schwimmen wollte, wurde er von einer weißen, kränklich aussehenden Muräne angefallen und gebissen.

Zum Glück war Andaryn da, um sie abzuwehren; als ich bemerkte was geschehen war und mich auf den Weg machte, um Blasen mit Luftvorrat hinzubringen, hatte mein Herr zweimal vergeblich nach dem grausigen Tier geschlagen. Ein dünner Blutfaden stieg im graublauen Zwielicht von seinem Oberarm zur Oberfläche und verlor sich bald im kalten Salzwasser. Er sah aus, als würde er auf Stimmen hören, die wir anderen nicht hören konnten. Als die angeschlagene Muräne ihn endlich in Ruhe ließ und von der Baroness endgültig getötet wurde, riss er sich plötzlich los, bevor er auch nur einen Atemzug aus dem Luftbehälter nehmen konnte. Andaryn nahm eine der Blasen mit sich und fing ihn gerade noch ein, bevor er ohnmächtig werden und womöglich Meerwasser einatmen konnte. Samt der getöteten Muräne begaben wir uns in die relative Sicherheit der Taucherglocke und gaben das Signal zum Auftauchen.

Schon beim Auftauchen merken wir, dass mein Herr in Schwierigkeiten steckte; er rief nach uns, wir sollen ihn nicht zurücklassen, er zappelte und versuchte sich aus seinen Fesseln, in die wir ihn sicherheitshalber gelegt hatten, zu befreien. Der Muränenbiss war wohl mehr als nur schmerzhaft. Auf der Tiefensucher zappelte er weiter, bis ich anfing, ihm über den Kopf zu streicheln. Das erboste ihn, und er kam zu sich – nur um mich der Untreue zu beschuldigen und mir zu befehlen, ich solle aufhören, ihm über den Kopf zu streichen. Daraufhin kündige ich meine Stelle bei ihm.

Mit Erleichterung sahen wir das Land nahen, und sobald wir konnten, fuhren wir mit dem Signorino zu unserem Bekannten, dem Medicus auf der Krakeninsel. Dieser besah die mitgebrachte Muräne mit Grauen und attestierte dem Signorino bereits abklingende Vergiftungssymptome, die Halluzinationen bewirkten. Er meinte, es wäre möglich dass sie in den nächsten Tagen zurückkämen. Dadurch war für den Signorino jeder weitere Tauchgang wohl ausgeschlossen. Mit bedrückter Miene ließ mein Herr sich einen Tee verschreiben, der ihm helfen sollte, und machte sich entschlossenen Schrittes mit uns allen im Schlepptau auf zum Meerestempel.

Dort begehrte er, mit Seiner Gnaden Graustein zu sprechen, bekam aber stattdessen den Geweihten Winterfisch als Gesprächspartner, der seiner Berufung als Geweihter des Launischen alle Ehre machte. Als erstes vernichtete er den Körper der Muräne auf den Stufen des Tempels und meinte, der Signorino hätte wohl daran getan, dies unheilige Gewürm hierher zu bringen, denn in anderen Teilen dieser Stadt hätten andere ein ansehnliches Sümmchen für den dämonischen Fisch bezahlt. Zum Glück habe ich mein Gesicht leidlich gut unter Kontrolle. Der Geweihte Winterfisch beglückwünschte weiterhin meinen Herren zu seiner Stärke und der fortwährenden Reinheit seiner Seele – anscheinend ist mein Herr dort unter Wasser von unheiligen Wesenheiten versucht worden. Er schlug ihm auch vor, sein Leben Efferd zu weihen, was mein Herr diplomatisch ablehnte.

Irgendwann in der ganzen Aufregung hielten mein Herr und ich eine kurze Aussprache bezüglich seiner Beschuldigungen und meiner Kündigung und beschlossen, zum ursprünglichen Stand unserer Arbeitsbeziehung zurückzukehren.

Der Fürst, der die ganze Geschichte mit gut verstecktem Entsetzen vernahm, erklärte sich einverstanden, den edlen Herrschaften für die restliche Dauer der Expedition einen Arzt zur Seite zu stellen, der auf der Tiefensucher mitfahren würde, um notfalls zur Stelle zu sein. Mein Herr empfahl ihm Doktor Berlind, unseren Medicus-Freund.

Und so war der gute Medicus ebenfalls mit von der Partie, als wir am nächsten Tag wieder in die Unterstadt schipperten. Dieses Mal blieb mein Herr an Bord der Tiefensucher, während wir zu viert in der Glocke tauchten, denn die Gefahr, dass die Wirkung des Giftes plötzlich unter Wasser einsetzen könnte, war zu groß. Die Glocke wurde direkt über dem Haus versenkt, und wir machten einzelne Tauchgänge, um alle Räume zu untersuchen. Eigentlich fand sich wenig Interessantes, bis auf eine potentiell zugängliche, verschlossene Luke im Boden, aus der Luftbläschen blubberten, als man die Klappe etwas anhob.

Das Blubbern schien darauf hinzudeuten, dass im Keller unter dem Haus möglicherweise eine Luftblase bestand, eine Möglichkeit, einige trockene Artefakte zu finden. Nach einiger Beratung wurde beschlossen, am nächsten Tag die Glocke direkt auf der Luke aufzusetzen und mit Ausrüstung und wasserfesten Behältern nach unten zu gehen, um den Keller zu erforschen.

Am Tag darauf wurde das Wetter über dem Hafen unfreundlich; es sah aus, als wäre ein Gewitter im Anzug. Nichtsdestotrotz tauchten wir auch an diesem Tag zu viert ins kühle Wasser ein und ließen die Glocke direkt über der Luke herunter. Soweit es möglich war, dichteten wir die Ränder der Glocke ab und machten die Luke auf. Das normalerweise knöcheltiefe Wasser wurde aus der Glocke gesogen, und von unten drang übelriechende Luft herauf. Die Baroness und Andaryn machten sich sofort auf, um die Kammern weiter unten zu untersuchen.

Die Treppe, die nach unten führte, brach unter der Baroness fast zusammen; Andaryn sicherte sich mit einem Seil ab, das vom Herrn Leomarsson gehalten wurde, und ließ sich etwas vorsichtiger herab. Sie durchsuchten die Räume und schafften es tatsächlich, einige Bücher zu den Kisten und den Öltüchern in der Glocke zu bringen, damit ich sie einpacken konnte. Schon bald wurde es aber zu gefährlich, es drang immer mehr Wasser in die Luke hinen.

Während Herr Leomarsson nach unten schaute, um notfalls der Baroness oder Andaryn in die Glocke hinaufzuziehen, sah ich aus dem Augenwinkel außerhalb der Glocke im Wasser einen bläulichen Menschen mit Kiemen und Dreizack, der mich zuerst anstarrte, dann zur Glocke näherkam und anfing, mit seiner Waffe darauf einzuschlagen! Ich machte drohende Grimassen, er solle damit aufhören, aber das beeindruckte ihn wenig – mich hätte es ebenso wenig beeindruckt, wenn eine Muräne mich an Land mit ihren Zähnen angefletscht hätte. Doch plötzlich verschwand der Necker so plötzlich wie er gekommen war; er hatte hinter mir offensichtlich etwas weit Schrecklicheres gesehen als ich je sein könnte… und als ich mich umdrehte, war da etwas Schwarzes, das sich als eine wirklich sehr viel größere Version eines Tentakels herausstellte, als ich vom normalen grangorischen Oktopus-Risotto gewohnt war.

Während die Baroness unten noch rannte, um Hesinde zu Ehren noch ein letztes Buch zu retten, schlug ein riesiges schwarzes Tentakel auf den Boden ein und brachte ihn zum Erzittern. Ein Wasserschwall riss die Baroness fast von den Füßen, und in letztem Moment konnte sie sich in die Glocke retten. Wir verhakten das Sicherheitsnetz unter der Glocke und vergewisserten uns, dass wir vollzählig waren – dann rissen wir panisch an der Rückholleine. Die Glocke wurde nach oben gerissen, anfangs etwas zu schnell, dann, als wir nach oben signalisierten, etwas langsamer. Gerade als wir dachten, wir schaffen es niemals lebendig heraus, waren wir an Deck der Tiefensucher, und dann ging es so schnell wie möglich wieder zum Bennain-Damm, wo uns der feste Boden erwartete.

Auf dem Trockenen stehend sahen wir zurück zum Meer – dort schien eine Nebelbank die Sonne zu verdecken, und plötzlich war es sehr kalt; wir wollten nichts mehr, als aus unserer nassen Kleidung herauszukommen. Sogar Leonardo, der versucht hatte, uns mit Teilen von Delfinleichen im Wasser zu versenken, schlug das Zeichen des Efferd. Wir hatten Glück gehabt, denn diesmal hatte er seine Hand über uns gehalten.

In den nächsten Tagen ging jeder seinen eigenen Beschäftigungen nach. Die Baroness und Andaryn trieben sich bei Juwelieren herum. Ich fragte nicht nach, vielleicht hatten sie in der Unterstadt etwas gefunden, das sie dem Signorino und mir nicht zeigen wollten. Am Abend des 29. Praios gab die Baroness ein Konzert in Beisein des Fürsten und gewählter edler Gäste, während es in der Gesindestube ebenfalls eine kleine Feier gab, um Leonardos Expedition als vollen Erfolg zu feiern. Natürlich erfuhr niemand viel mehr darüber, als dass Leonardo eine seiner Erfindungen testen wollte und der Signorino und die Baroness ihm dabei behilflich gewesen waren.

Wir machten Vorbereitungen und letze Einkäufe vor der Reise, die uns nach Khunchom führen sollte. Mein Herr und die Baroness überlegten (nach einem kleinen Gedankenanstoß von einer hier nicht näher genannten Dienerin), ob sie Wolorion von Kolburg und seiner Verlobten Leaja von Dragenfels ein Hochzeitsgeschenk nach Andergast schicken sollten, weil sie es nicht mehr zu ihrer Hochzeit schaffen würden. Der kleine Auftrag des Fürsten von Albernia würde uns auf die andere Seite des Kontinents führen, ganz weit weg von Nostria und Andergast.

Es war geplant, zuerst nach Gareth zu reisen, wo mein Herr und die Baroness hofften, viele der Adeligen zu treffen, denen sie Depeschen vom Fürsten von Nostria übergeben sollten, so dass wir nicht in jedes Kaff auf dem Kontinent reisen mussten, um jeden Brief einzeln zu übergeben. Danach wollten wir nach Punin weiterreisen. Ab da verlässt mich meine Geographie. Jedenfalls soll es nach Khunchom gehen. Notfalls kann ich in Punin in den Yaquir springen und hoffen, in Vinsalt angespült zu werden. Ich möchte eine ganze Weile kein Salz mehr auf den Lippen spüren – eigentlich bin ich froh, dass uns die Reise vorerst ins Landesinnere führt.

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