as I scan this wasted land

verschollen in der Botanik

Unsere Zeit in Havena ging zu Ende, und in den letzten Tagen vor der Abreise machten wir letzte Einkäufe und Reisevorbereitungen. Die Baroness und mein Herr schickten als Zeichen ihrer Wertschätzung eine Truhe mit edlen Geschenken an die Dragenfels-Kolburgs als Hochzeitsgeschenk, und dann waren wir eigentlich bereit zur Abreise. Eine letzte Sache passierte jedoch noch bevor wir Havena verlassen konnten.

Auf dem Weg zurück vom Fischerdorf, wo wir ein letztes Mal Früchte aus Efferds salzigem Garten genossen haben, bemerkte ich wie in einer Seitengasse zwei Schläger einen jungen Mann bedrohten. Mein Herr marschierte hin und verscheuchte die Orkendorfer auf seine gewohnt freundliche Art und Weise. Der junge Mann war dankbar und verneigte sich ein- bis zweihundert Mal vor meinem Herren, und erzählte, er hätte versucht, einen Necker aus seinem Käfig in Khalid Glumbos ehemaligen Lagerhaus zu befreien. Das wäre ihm misslungen, und der Necker wäre nach Al-Anfa verkauft worden.

Der junge Fischer meinte, er hätte es getan, um einen Frevel an Efferd zu verhindern, und mein Herr stimmte ihm zu. Angeblich waren in den Necker-Handel ziemlich viele einflussreiche Leute verwickelt, zum Beispiel die Händler Pekkarin und Engstrand, und einige andere.

Am gleichen Abend waren die Baroness und mein Herr zu einigen Festen in der Stadt eingeladen. Die Leute im Kaiserreich feiern nämlich am 30. Praios den Tag der 2. Dämonenschlacht – den Feiertag gibt es übrigens bei uns zuhause nicht. Die edlen Häuser Havenas haben es sich nicht nehmen lassen, Einladungen zu verschicken, und so blieb mein Herr bei der Soiree der Fürstin, während die Baroness sich zu Pekkarins Party aufmachte… in ausgefallener, gar nicht baroness-mäßiger Kleidung. Sie wollte Pekkarin über seinen Necker-Handel ausquetschen. Gleich nach ihrer Rückkehr von der Feier wurde sie von meinem Herrn in diesem Aufzug erwischt und kräftig geneckt, was einen mittleren Skandal unter den Dienstboten auslöste.

Zur selben nächtlichen Zeit spazierten Andaryn und ich in der Dunkelheit zum besagten Lagerhaus und inspizierten es. Es stand offen, und darin fand sich ein Käfig, in dem ein Necker gewesen sein könnte, aber sonst auch nichts weiter. Auf dumme Fragen der Nachtwache dachte sich Andaryn eine erstaunliche Geschichte aus, die gerade so nah an der Wahrheit war, dass man sie ihm glaubte.

Am nächsten Tag, zog mein Herr weitere Erkundigungen über das Haus ein, aber im Grunde kam nichts anderes zum Vorschein als dass das Lagerhaus einfach leer stand, dass Engstrand es gemietet hatte und dass der Necker-Handel und unsere nicht eingelöste Schuld bei Efferd wohl auf unsere Rückkehr nach Havena warten müssten.

Also machten wir uns am 3. Rondra mit einigen versiegelten Nachrichten auf den Weg nach Khunchom. Wobei das jetzt klingt, als wäre es eine kurze, einfache Reise. Kurz – nein, einfach – nein, langweillig – ja.

Es fing an, noch bevor wir die Stadt verlassen konnten. Die Eskorte des Fürsten räumte die Straße und das Garether Tor für uns frei, jedoch nicht, bevor wir erst einmal mitsamt den Pferden im der Menge der Handwerker eingequetscht wurden. Mein Herr hielt sich ob des Geruchs der Menge ein parfümiertes Taschentuch vor die Nase wie ein … nun ja, ein affektierter yaquirischer Edelmann. Ein junger Mann warnte Andaryn, dass die Sense eines Bauern sich mit dem Gurt seiner Tasche verheddert hatte, und half den beiden, voneinander loszukommen. Gleich stellte er sich vor als Gjasker Florgian, und seine wild-bunten Kleider und die zerzausten Haare deuteten darauf, dass der junge Mann ein Geweihter des Aves war.

Er schloss sich uns an, als die Wache uns aus der Stadt schleuste, und so landeten wir alle gleichzeitig auf dem Damm, der aus der Stadt durch die Sümpfe führte. Obwohl der Anfang Rondra eigentlich warm und freundlich sein sollte, umfing uns auf dem Damm sofort der Nebel. Da wir auf den Pferden etwas schneller waren als der zu Fuß gehende Geweihte, dachte ich einen Moment, er spräche zu mir, und ich ließ mich zurückfallen. Es stellte sich zwar heraus, dass er mit seinem Gott geredet hatte, jedoch hatte er auch nichts dagegen, mit mir als Gesprächspartnerin vorlieb zu nehmen, also setzten wir die Reise zu Fuß fort.

Rechts und links vom Damm tauchten im Nebel ab und zu violette Flecken auf – blühendes Yasalinkraut, wie mein Herr später erklärte – und Gargelsträucher. Seine Gnaden beschloss, einen Zweig abzuknicken, also blieben wir kurz stehen. Andaryn merkte das und warnte meinen Herren, der es tatsächlich für nötig befand, zurückzureiten und mich zurechtzuweisen. Gleich darauf erfüllte lautes Donnern von Hufen die Straße auf dem Damm, und fünf Ritter der Baronie Ylvindoch in voller Montur zogen schnell an uns vorbei in Richtung Havena. Der Geweihte nahm freundlicherweise die Schuld für mein Zurückbleiben auf sich, und mein etwas abgelenkter Herr lud ihn ein, eine Weile mit uns zu reisen. Und außerdem bekam ich noch einen Teil vom Gargelstrauchzweig.

Der Damm durch die Sümpfe schien sich ewig zu ziehen. Die neblige Luft schluckte alle Geräusche, und außer uns war niemand anderer auf der Straße zu sehen. Man fühlte sich wie unter einer Taucherglocke. Ab und zu gab es abseits der Straße im Moor Sachen zu sehen – einmal sahen wir Torfstecher bei der Arbeit, einmal ein ganzes Dorf auf kleinen Inseln im Sumpf.

Abends kehrten wir in Gasthäusern entlang des Damms ein. Die Leute schienen sich von der ungewöhnlichen Kälte und der bedrückten Stimmung des Sumpfs mit übertriebenem Lachen, Singen und Tanzen abzulenken. Entlang des Weges kamen wir an einer Gruppe Sträflinge vorbei, die am Damm arbeiteten, irgendwann später sahen wir im Sumpf ein haariges Wesen mit rot glühenden Augen etwas fangen und fressen. Im ersten Augenblick klang es wie ein Menschenschrei, aber dies stellte sich als falsch heraus. Eine Sumpfranze, sagte jemand, ein Rotauge, nur im Winter gefährlich. Ich spürte, wie mir in der klammen Luft ein Schauer den Rücken herablief.

Am 7. Rondra ließen wir den Damm endlich hinter uns, und der Monat Rondra hatte uns endlich wieder. Es war warm; wir mussten aufpassen, dass die zarte Haut meines Herren und der Baroness keine Rötungen bekam. Im Gasthaus, in dem wir für die Nacht einkehrten, schien eine Feier stattzufinden. Als ich fragte, stürzte sich sofort ein betrunkener Patriot auf mich, der meinte, ich hätte nicht genug Respekt für seine Kultur… zum Glück rettete man mich und wir erfuhren, dass das Kaiserreich gerade die Nationalfeiertage – nämlich Bosporans Fall – beging.

Am nächsten Tag, der zufälligerweise der Trauertag in Yaquirien ist – wir betrauern Bosporans Fall – stolperten wir, als die Straße an einem Wald entlangführte, über eine abgerissene Gestalt. Der Mann stellte sich als Tyros Prahe, Alchemist und Zwergenkundler vor und stammelte etwas von einem Polardiamanten. Dann erfragte er seine Position, die wir ihm mitteilten. Er versuchte auch, die Baroness als Investorin für eine seiner Expeditionen zu gewinnen, woraufhin mein Herr ihm sagte, in Havena würde er möglicherweise mehr Erfolg haben. Daraufhin statteten wir ihn mit Proviant aus und unsere Wege trennten sich wieder.

So genossen wir die landschaftlichen Schönheiten Albernias, weit und breit nichts als fruchtbares Land, hübsche Dörfer und freier Himmel.

Am gleichen Abend kehrten wir in einem Gasthaus ein, wo gerade eine sehr animierte Schlägerei stattfand. Wir beschlossen, nicht mitzumachen. Später am Abend gab es noch schöne Musik von der Baroness, und Andaryn tanzte mit allen Mädchen, und dann gingen wir schlafen.

Gute Ohren und Neugier in Kombination können zum Fluch werden. Mitten in der Nacht wachte ich von einem Geräusch auf; durch das offene Fenster sah man eine Prozession von Leuten, die sich am Gasthaus vorbei bewegten. So schnell es ging, zog ich mir eine Hose über, weckte Andaryn und ging hinunter in den Schankraum, wo der Aves-Geweihte schlief. Ungefähr bei der Schlafstätte des Geweihten stießen Andaryn, der mir nachgekommen war, ich und mein ebenfalls wach gewordener Herr aufeinander, dann machten wir uns so leise wie es ging auf, um den Leuten da draußen zu folgen.

Als wir sie in den Büschen und der Dunkelheit einholten, waren sie schon auf dem Rückweg – da trennten wir uns. Mein Herr ging der Gruppe nach, um zu sehen wohin sie verschwinden wollten, und zählte dreizehn Leute. Andaryn und ich wagten uns weiter vor ins Gebüsch, um zu sehen, was sie da mitten in der Nacht getrieben hatten.

Auf die verklingenden Schritte meines Herren horchend, achtete ich in der Dunkelheit trotz meines Gwen Petryls nicht darauf, wohin ich ging, und landete fast in einem ausgetrocknetem Bachbett. Ich konnte mich gerade noch fangen. Andaryn stieg dann herab, und machte einen grausigen Fund; ein Mann lag mit dem Gesicht nach unten auf dem Boden. Sein Schädel war eingeschlagen und es gab wohl sehr wenig Zweifel daran, dass er tot war und sein Tod vermutlich kein Unfall und auch nicht zufällig passiert war.

Nun waren wir voller Zweifel – was konnten wir tun? Eine Bande potentiell gefährlicher Fackelträger war in dieser Gegend unterwegs; mein Herr folgte ihnen in der dunklen Nacht. Und wir beide, Diener und Fremde, wer würde uns glauben? Zum Glück gab es da noch einen treuen Mitreisenden, der uns aus unserem Dilemma half.

Seine Gnaden war genau so wach, wie man es zu dieser Nachtstunde sein musste, nämlich gar nicht. Ich weckte ihn trotzdem, und er zeigte sich entsetzt. Die Baroness wollten wir nicht wecken, weil ich eine mehr als genaue Ahnung davon hatte, wie sie darauf reagieren würde. In den frühen Stunden der Dämmerung gingen wir zurück zur Leiche und holten sie aus dem Bachbett zurück. Als sie oben war, deckte Andaryn sie mit Steinen und Zweigen zu, damit keine Tiere sie fressen konnten. Dann erzählten wir dem gerade aufgetauchten Wirt davon.

Der gute Mann war sehr entsetzt darüber, dass ein Toter gefunden worden war. Er schien ihn sogar zu erkennen und meinte, es wäre der alte Knecht von Dagorin, Korran. Ich war froh, dass wir ihm alles Weitere überlassen und die Spuren der Nacht von uns waschen konnten.

Und dann stolperte mein Herr ins Gasthaus, etwas angeraut und müde, und kroch in sein Bett, um zu schlafen. Nur um kurz später von der Baroness mit einem schrillen Pfeifenton aus dem Schlaf gerissen zu werden. Was da wohl in sie gefahren ist? Also stellte sich die treue, aber selbst sehr unausgeschlafene Thalya ein, um Seiner Wohlgeboren ein Frühstück und Waschwasser zu bringen, während er der Baroness einen kurzen Abriss seiner Nacht gab, den wir mit den Details unseres Ausflugs ergänzten.

Dann kam noch der Schneider hinein, der ebenfalls dort übernachtet hatte, und fing mit der Baroness eine animierte Unterhaltung über Kleidung an. Man sah ihm an, dass er sich geschmeichelt fühlte, mit einer so edlen Dame ein Gespräch führen zu dürfen, und so quasselte er sie ausführlich voll, während mein Herr sein Fußbad genoss. Als die Baroness anfing, gelangweilt dreinzuschauen, deutete ich dem Schneider zart an, er möge uns einen schönen Tag wünschen und sich entfernen.

Die Baroness zeigte recht offensives Desinteresse an der ganzen Angelegenheit des Toten im Bachbett und mein Herr ließ den interessanten Teil der Geschichte aus – nämlich dass er, seinem Aussehen nach zu urteilen, in der Botanik verloren gegangen war. Ich stolperte übermüdet wieder in den Schankraum, wo ich die Bettstatt des Herren Geweihten leer vorfand. Ich wickelte mich in seine Decke und zog sie mir über den Kopf, um das Licht und die Laute fernzuhalten, und schlief ein. Irgendwann bekam ich Gesellschaft – Andaryn war auch von der Müdigkeit übermannt worden.

Währenddessen hatte mein Herr das Schlafen aufgegeben und ging nach draußen, um die Leiche zu besichtigen. Die Seele des Unglücklichen war nach wie vor bei Boron, als mein Herr ihn erreichte. Daneben stand ein Soldat des hiesigen Barons mit einem Karren. Dies erschien meinem Herren doch etwas ungewöhnlich, denn der Bote des Wirts war gerade aufgebrochen. Daraufhin meinte der Soldat, der Vorsteher des in der Nähe gelegenen Dorfs Jannedoch wäre gleich in der Früh beim Baron aufgetaucht um zu melden, dass Korran einen Unfall gehabt hätte.

Die lange Nacht hatte meinen Herren etwas ungemütlich zurückgelassen, also fragte er weiter nach und bekam zur Antwort, der Mann hätte sich an einer Frau vergangen und hätte dann nach Beratung des Dorfrates seine Strafe empfangen, wie es hier in der Gegend Sitte sei.

Der Signorino kam nach Luft schnappend wieder ins Gasthaus, und danach war keine Rede mehr vom Schlafen, denn mein Herr ereiferte sich über diesen Frevel wider die zwölfgöttliche Ordnung. Der Herr Geweihte stimmte ihm dabei zu, vor allem als er hörte, dass es dreizehn Leute gewesen sein sollen, die den Mann gerichtet hatten. Die Baroness meinte, ihr Interesse an Knechten fremder Leute wäre bestenfalls flüchtiger Natur und fragte, ob wir nun vielleicht aufbrechen könnten.

Also brachen wir auf. Und zwar genau bis zur Abzweigung, die zur Burg des hiesigen Barons führte. Dort setzte mein Herr sich ab, um dem Baron zu erzählen, was ihn bewegte. Die Baroness, Andaryn und der Geweihte gingen die Reichsstraße weiter, und ich blieb an der Kreuzung stehen, um auf meinen Herren zu warten. Zufälligerweise war da ein großer Brombeerbusch voller reifer Beeren, mit dem ich mir die Zeit vertrieb.

Nach einer ganzen Weile kehrte mein Herr zurück und sah nicht glücklich aus. Nicht einmal Brombeeren konnten ihn trösten. Der Baron war direkt nach der Nachricht vom Tod des Knechts zu einem Jagdausflug hinausgeritten und wurde erst in einigen Tagen erwartet. Er wollte offensichtlich nicht von Außenstehenden gesagt bekommen, dass die Bauern sich in sein Privileg einmischten, Recht zu sprechen.

Also folgten wir ebenfalls der Reichsstraße bis zu einem Dorf, das sehr thorwalisch aussah – Langhäuser und großgewachsene Männer (bedauerlicherweise mit Hemd und ohne Hautbilder). Mein Pferd hinkte etwas, und zum Glück wartete Andaryn auf uns vor einem Gasthaus. Ich glaube, mit meinen Reitkünsten ist es nicht so weit her wie ich dachte.

Wir kehrten ein – und da war die strahlende Baroness, die meinte, sie wäre hier stehen geblieben, weil sie beim Anblick der Häuser an mich denken musste. Der Geweihte des Aves kam am Abend wieder zurück und meinte, er hätte mit dem hiesigen Boron-Geweihten gesprochen und dieser hätte ihm mehr von diesen Femegerichten erzählt, die hier wohl Tradition seinen. Mein Herr grummelte etwas in seinen Bart, das Unzufriedenheit mit der Gesamtsituation ausdrücken sollte.

Die Reise ging harmonisch weiter – die Straße war lang und gerade, das Wetter warm und gefällig. Die Nationaltage gingen auch vorbei, und schließlich waren wir in Sichtweite des schönen Abilacht angekommen.

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