as I scan this wasted land

ein runder Geburtstag ist der Tod jeder Tugend

Die letzten fünf Tage waren super heftig. Oder ‚süper ‚eftisch‚, wie mein Herr sich auszudrücken pflegt. Ich versuche immer, ein gutes Mädchen zu sein, aber irgendwie gelingt es mir nicht immer. Und jetzt glaubt jeder, ich habe einen schlechten Einfluss auf meine Mitreisenden.

28. Travia

Mehrwed ist wie wir wissen eine ziemlich langweilige Stadt, und ich hoffte, dass wir sie bald hinter uns lassen würden. Zuerst wollte jedoch der Signorino sich erkundigen, ob die Stelle als Prinzesinnen-Retter noch zu haben wäre. Zu diesem Zweck gingen wir geschlossen zum Palast des Kalifen. Die Frauen wurden in Frauenquartieren abgestellt und die Männer zum Wesir des Kalifen vorgelassen. Man brachte uns einiges über Teetrinken, Hautpflege und Haushaltsführung der Novadis bei. Die Baroness schien mit der Gesamtsituation unzufrieden, vor allem schien es sie zu verärgern, dass die novadischen Frauen sie als Untermensch zu beachten schienen, weil sie eine Ungläubige war.

Unterdessen erfuhr mein Herr dass er um zum Kalifen zu gelangen ein Bakschisch zahlen musste, und nach einer kurzen Unterredung mit der Baroness tat er dies auch. Schließlich traf er die Nr. 2 im Palast und bekam eine Audienz beim Kalifen – die allerdings erst in einer Woche stattfinden sollte. Deshalb beschloss er, dass wir alle nach Rashdul reisen sollten, um sich nach dem Mann zu erkundigen, dessen Name auf dem Spiegel eingraviert stand. Also nahmen wir das Schiff nach Rashdul.

29. Travia

Unterwegs auf dem Schiff geschah genaugenommen gar nichts, außer dass mein Herr Trübsal blies, weil er sich bald – genaugenommen heute Nacht – zu den Reihen der alten, zwanzigjährigen Säcke gesellen würde und Fräulein Isora ihn immer noch nicht erhört hatte. Die Baroness angelte, ich schlug meinem Herren vor, sich wahlweise in den Fluss zu stürzen oder in ein Boron-Kloster einzutreten. Trotz seiner Niedergeschlagenheit fand er beide Optionen nicht sehr ansprechend. Als die Sterne jedoch zeigten, dass Mitternacht vorbei war, kamen irgendwoher Tänzerinnen und Musiker herausgesprungen, und brachten meinem Herren ein Gebutstagsständchen. Es gab Wein, Rauchware und Tanz, und andere Sachen. Jedoch soll über die Geschehnisse dieser Nacht ein Schleier des Schweigens bleiben.

30. Travia

Ich wachte neben Andaryn auf und unterhielt mich einen Moment lang mit dem Gedanken, das Segeltuch über meinen Kopf zu ziehen und so zu tun als wäre das alles ein seltsamer Traum. Schließlich stand ich auf, stolperte mit Andaryn im Schlepptau an der Offizierskabine vorbei dorthin, wo meine Kleidung verstreut war. Der Mann musste ja mit seiner Creme eingeschmiert werden. In der Offizierskabine lag Fräulein Isora mit jemandem in der Hängematte. Phex lächelte mir zu, indem er mir gleich früh morgens mittags wunderbares Erpressermaterial schenkte. Sicherheitshalber machte ich mir ein Frühstück aus Rahjalieb und ertrug Andaryns dämliches Grinsen, das über den Tag nur noch dämlicher wurde. Irgendwann fing er an, mit de Tounens gemeinsam und auch alleine von irgendeiner zukünftigen Schweinezucht in Nostria zu phantasieren, auf der ich mit ihm unsere Kinder aufziehen sollte. Unterdessen gratulierte ich meinem Herren noch einmal zum Geburtstag und bat ihn mehrmals angesichts dieser Belagerung, mich zu töten – was er aber leider ablehnte. Fräulein Isora stand unterdessen auf – die Person, die ihr die Nacht verschönert hatte war wohl vor ihr aufgestanden und sie wusste nicht, wer es war. Irgendwann gab es einen sehr peinlichen Moment zwischen Isora und Andaryn, in dem sie sich gegenseitig versicherten, in der Nacht nichts Ungebührliches miteinander angestellt zu haben, wonach sie in verschiedene Richtungen auseinandergingen. Furchtbar lustig. Sobald ich konnte, bot ich ihr ebenfalls ein Rahjalieb-Frühstück an.

Zu Mittag legten wir in Rashdul an und mieteten uns in der Karawanserei Haus Festum ein, die zum Stoerrebrandt-Kontor gehörte. Mein Herr beschloss, für uns alle angemessene Kleidung zu kaufen, um bei der Audienz beim Kalifen ein gutes Bild abzugeben. Nun bin ich stolze Besitzerin wunderhübscher seidener novadischer Kleidung. Er hat nämlich vor, uns bei der Audienz alle als seine Ehefrauen auszugeben. Warum auch immer. Außer Andaryn, der hat einen Bart. Man hatte uns ja schon gesagt, wir wären allesamt zu dünn und unser „Ehemann“ könnte nicht besonders wohlhabend sein wenn seine Frauen so ausgezehrt wären.

Immerhin war die Laune des Signorino seit gestern wieder gut – er hatte eine Feier geschenkt bekommen und es schien ihm großen Spaß zu machen, Andaryn bei seinen dämlichen Schweinezucht-Phantasien zu bekräftigen und mir gleichzeitig Travia zu predigen. Wenn jemand selbst eine Travia-Predigt nötig hätte, dann wohl Seine Wohlgeboren Laurentio Aurelian de Tounens.

Nach dem Einkauf – wir werden die Prinzessin wohl oder übel befreien müssen, oder wir werden hoffnungslos überschuldet sein und jeder Novadi auf Dere wird uns jagen – machte ich einen Sprung zum Basar, wo ich meinen Rahjalieb-Vorrat auffrischen wollte. Zu meinem Entsetzen machte ich die Entdeckung, dass die Leute hier das Rahjalieb immer vorher einnahmen. Wie planen die das? Sie haben wohl nie mit einem Thorwaler geschlafen. Die kann man nicht einplanen, die tauchen immer auf, wenn ich betrunken bin, einfach so.

Der Abend fiel über Rashdul als ich zurück zur Karawanserei stolperte. Andaryn und meine Herrschaften hatten sich schon zur Nachtruhe begeben, was eigentlich ganz gut war, denn mein Ziel war sowieso Fräulein Isora. Ich weckte sie und hinderte sie am sprechen, bis wir das Zimmer verlassen hatten. Ich machte ihr klar, dass das hilfreiche Kraut wohl nicht rückwirkend funktionierte und wir nun um göttlichen Beistand bitten mussten, um sicherzugehen dass nicht ein paar Leute in neun Monaten ihre frisch geborenen Stammhalter in den Armen hielten.

Also statteten wir erst einmal dem Rahjatempel einen Besuch ab. Die Geweihten waren entzückend, und nach etwas geistlichen Beistand à la Rahja konnten wir uns der Liebe der Göttin sicher sein. Die schönen Geweihten haben unsere Körper vorbereitet und uns mit rotem Pflanzenbrei Verse auf die Haut geschrieben. Mit der Ermahnung, jeden Tag Extase zu empfinden, verließen wir den Himmlischen Schrein der Hingabe und machten den kurzen Spaziergang zum Haus der Vergänglichkeit, wo ich ein-zwei Worte mit Phex wechselte über den Spaß, den er gehabt haben muss, über meine Dummheit zu lachen. Auch Isora schien getröstet als wir den düsteren Tempel verließen. Die arme Nordmarkerin hatte an diesem Tag viel Entwicklung mitgemacht, und nicht alles davon schien gut bei ihr angekommen zu sein. Deshalb suchten wir – obwohl es dunkel war, den Schrein der Travia auf, der mitten in einem dunklen Park stand.

Beim Schrein fanden uns ein paar Stadtwächter, die meinten, die Stadt wäre gefährlich, vor allem um die Al’Pandjashtra herum, wo nachts seltsame und bedrohliche Gestalten durch die Straßen wankten. Sie meinten, wir sollten im Licht des Tors abwarten bis jemand vorbeikam, der uns auf dem Weg zum Haus Festum beschützen konnte. Das taten wir auch – rückblickend war es eine dämliche Entscheidung.

Eine junge, wehrhaft aussehende Frau kam des Weges und wir baten sie, uns so weit nördlich mitzunehmen wie es ging. Sie stimmte zu, und bald fanden wir uns, ihr wie kleine Enten folgend, in einer Kneipe in der Nähe der Al’Pandjashtra, wo sie ihre Angst vor den dunklen Gestalten der Nacht mit Alkohol zu bekämpfen versuchte. Isora und ich schlossen uns ihr an, doch dann meinte ich, mit Alkohol aufhören zu müssen. Hätte ich mir genauso sparen können, denn als wir die Frau – Yashima hieß sie – schließlich überredet hatten, weiterzugehen, waren sie und Isora schon ziemlich betrunken. Wir gingen weiter, nur um eine weitere Kneipe zu betreten, wo die beiden sich dann endgültig die Kante gaben und mir die ganze Belegschaft im Raum ein Ständchen brachte. Sie grölten „Spielverderber“, weil ich mich weigerte, mich ebenso abzuschießen wie der Rest der Leute. Schließlich wurde es ruhiger, und sanftes Schnarchen von Yashima und Isora erfüllte den Raum. Irgendwann warf uns der Wirt hinaus – er half mir noch, Isora und Yashima auf zwei Kisten in der Sackgasse hinter dem Wirtshaus zu deponieren, wo sie ihren Rausch ausschlafen konnten.

Da ich nun nichts anderes zu tun hatte als zu warten bis die zwei Schnapsdrosseln wieder wach waren, vertrieb ich mir die Zeit damit, Yashimas Botschaft – vom Sultan an einen Händler gerichtet – aufzumachen und wieder zuzumachen. Lesen konnte ich sie ja nicht, war auf Tulamidya geschrieben. Irgendwann graute der Morgen. Yashima wachte auf, erinnerte sich nicht an uns. Ich ließ sie in dem Glauben, dass sie uns nun zum ersten Mal sah, und machte mich mit der von Kopfschmerzen geplagten Isora wieder auf den Weg zurück zu unserer Karawanserei.

So fing der 1. Boron an.

Statt zur Karawanserei – denn ich wollte mich nicht auf irgendwelche Führer verlassen (besser gesagt, ich konnte sie mir nicht leisten), fanden wir den Weg zu einem großen Platz, wo zwei Boron-Tempel standen. Da Isora aussah, als hätte man ihren Kopf in einen Nussknacker gesteckt, schubste ich sie in den nächstgelegenen Boron-Tempel hinein, wo ich hoffte, etwas Stille zu finden.

Stille war natürlich im Überfluss vorhanden, jedoch nicht für lange. Der Tempel war sehr voll, und schon bald fanden wir uns in der Mitte einer schweigenden Prozession. Es gab keinen Sinn, aus der Menschenmenge herausrudern zu wollen, also gingen wir mit den Leuten weiter. Mir fiel ein, dass die Baroness sich erkundigt hatte, ob demnächst Feste in der Stadt wären. Ich hatte völlig verdrängt, dass heute das Totenfest war und die Gläubigen sich zum Gebet versammelten. So führte uns der Weg durch einen Berg, in dessen Inneren sich ein Boronsanger befand und die Hand des Hl. Bastrabun ibn Rashtul, zu der wir beteten. Dann machten wir uns aus dem Staub und gingen zurück in die Stadt. Zu dem Zeitpunkt war ich schon sehr müde.

Als wir endlich in der Karawanserei zurück waren, fiel ich ins Bett und erlebte einen Moment unbeschreiblicher Wonne – Nach mehr als 50 Stunden endlich schlafen. Nach zwei Minuten Schlaf weckte mich Andaryn mit irgendeiner Frage, aber ich konnte mich nicht aufraffen, also zeigte ich ihm die Zeichnung, die die Rahja-Geweihten auf meinem Bauch hinterlassen hatten und ließ mich wieder in Borons Arme fallen.

2. Boron

Als ich wieder zu mir kam, hatten die Baroness, mein Herr und Andaryn beschlossen, sich bezüglich des magischen Spiegels mit dem Djinn nicht an die Magier der Al’Pandjashtra um Rat zu wenden, weil sie gruselig sind. Auf dem Markt hatten sie die Geschichte eines magischen Spiegels von einem Haimamud gehört, von der sie meinten, sie würde auf den Spiegel des Signorino zutreffen. Sie hatten dann ein Gespräch mit dem Mann, dessen Name auf der Rückseite des Spiegels verzeichnet war. Der war zufälligerweise der Eigentümer der anderen Karawanserei im Ort, des Feurigen Shadifs. Er meinte, er hätte den Spiegel billig kaufen lassen weil er einen brauchte, hätte ihn aber weggegeben, weil er den Gästen unheimlich war – sie hatten sich beobachtet gefühlt. Was ich bisher vom Djinn im Spiegel weiß, wundert mich das überhaupt nicht. Mein Herr kaufte sich ein Damasttuch, um dem Djinn zu schmeicheln wenn er den Spiegel putzte. Anscheinend hat er ein neues Haustier gefunden. Zum Glück muss man dieses nicht füttern, und das Streicheln übernimmt der Signorino selbst.

Nun war der Signorino nach zwei Tagen in Rashdul auch nicht mehr so sehr daran interessiert, den Spiegel weiterzugeben oder den Djinn sofort zu befreien – jeder möchte ab und zu mit seinem Spiegelbild reden können – also befahl er eine Rückkehr nach Mherwed.

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